Wirtschaft

Lehren aus dem Chaosjahr 2016 – Teil 1: It’s NOT the economy, stupid!

Das Jahr 2016 wird in einer von zwei Varianten in die Geschichte eingehen, entweder als eine irre Laune der Geschichte, oder als das Jahr in dem sich alles begann zu verändern. So oder so, es wird in Erinnerung bleiben. Es ist das Jahr in dem die AfD kolossal in die Landtage von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin eingezogen ist. Es ist das Jahr des Brexit-Votums. Es ist das Jahr von Donald Trump. Und auch wenn die Wahl von Donald Trump und Norbert Hofer erst noch ansteht, ist es das Jahr in dem in Österreich die Grünen und die FPÖ die SPÖ und ÖVP auf die Zuschauerränge verwiesen haben. 2016 war soweit ein Jahr, von dem wir politisch viel lernen können. In Teil 1 lernen wir, dass die Wirtschaft zwar in vielen Wählerschichten nicht mehr die bedeutendste Rolle  spielt, die herrschenden Klassen und die Libertären aber genau das übersehen haben.

Aus meiner Zeit in der Jungen Union und in der CDU habe ich unter meinen Facebook-Freunden noch zahlreiche Karteileichen, darunter einige inzwischen recht wichtige Amtsträger. Einige haben mich inzwischen gelöscht, ich niemanden, denn ich habe gerne diese zusätzliche Perspektive in meinen Neuigkeiten. Besonders hart merkte ich den Unterschied in diesem Jahr bei der Entscheidung zum Brexit. Nicht nur wurde vor diesem mehr als nur dramatisch gewarnt, sondern jede noch so kleine Nachricht über einen noch so kleinen Sack Reis der irgendwo auf der Insel umgefallen war wurde genüsslich breitgetreten, darunter einige glatte Lügen. Interessant ist, dass es dabei immer nur um ein einziges Thema ging: Wirtschaft. Immer wieder sagte man den Briten, dass es ihnen innerhalb der EU doch so viel besser gehen würde, es wurde vorgerechnet was es den Durchschnittshaushalt kosten würde auszutreten, die Vorzüge des gemeinsamen Marktes wurden aufgezeigt, und und und.
Dem Brexit-Lager wiederum ging es um die Souveränität Großbritanniens, den Europäischen Gerichtshof, Einwanderung und arrogante Eliten. Und gleichzeitig auch um die Wirtschaft. Sie erkannten sogar an, dass es möglicherweise negative wirtschaftliche Folgen haben könnte wenn man die EU verlässt, aber erstens sei das nicht sicher, zweitens habe man auch ganz andere Chancen, und drittens sei es die Souveränität Großbritanniens und der Schutz der Kultur durchaus wert ein wenig Geld zu verlieren. Und das Ergebnis war der Brexit.

Es ist in den USA nicht viel anders. Die Wirtschaftsprogramme von Hillary Clinton und Donald Trump sind nicht gerade ideal und beide werden von Ökonomen kritisiert. Die Tatsache, dass es das Wahlvolk nicht groß zu interessieren scheint ob Freihandel, auch wenn er einzelne Jobs kostet, der Wirtschaft insgesamt nützt, wird gerade von libertärer Seite hart kritisiert. Wie kann der Wähler nur so dumm sein und vor allem wie können so viele Libertäre auf einmal auf der Seite von Donald Trump stehen, selbst Radikale wie Stefan Molyneux? Die Antwort hierauf ist in der Kurzform „Identität“. In der langen Form hat sie zwei Aspekte:
Erstens ignorieren gerade ökonomisch sehr rational denkende Libertäre häufig die Tatsache, dass hinter einem bestimmten Beruf mehr steckt als nur ein Einkommen für Arbeit. Einige Gebiete in den USA, gerade zum Beispiel die großen Industriestandorte wie Flint oder Detroit in Michigan, haben eine, für amerikanische Verhältnisse, fast schon ewige Arbeitertradition. Wenn vom Urgroßvater bis zum Vater alle in der Familie bei General Motors Autos gebaut haben, dabei genug Geld verdient haben, dass die Frau zu Hause bleiben konnte und das ansehnliche Haus im Vorort pflegte, dann setzt das eine Identität in die Familie. Wenn man dann selbst, weil die Fabrik inzwischen zu 90% aus Robotern besteht und viel ins Ausland ausgelagert wurde, drei Jobs im Dienstleistungssektor knapp überm Mindestlohn machen muss um sich über Wasser zu halten, vielleicht das Familienhaus verkaufen muss um in eine Wohnung in der Innenstadt zu ziehen, dann ist das nicht nur einfach der Wechsel von einem Beruf zum anderen. Es ist der Verlust der familiären Identität, unfreiwillig. Man kann diesem Mann so viel erzählen wie man will über die Vorzüge von Freihandelsabkommen, oder dass die Billigkonkurrenz aus China uns am Ende doch alle reicher macht. Wenn er einfach nur einen Job verloren hätte, dann könnte das funktionieren, dann könnte er optimistisch in die Zukunft schauen und denken, dass sich auf Dauer die Wirtschaft verbessern wird und er wieder bessere Jobs kriegt. Aber so frei der Freihandel auch sein mag, es ist unwahrscheinlich bis unmöglich, dass er zu seinen Lebzeiten bei General Motors arbeiten wird. Was er aber machen kann, das ist abzustimmen für jemanden der verspricht die japanische Billigkonkurrenz und im Ausland gefertigte US-Marken so hoch zu bezollen, dass der attraktive US-Markt nur noch sinnvoll zu bedienen ist, indem man in den USA produziert, auch wenn das teuer ist. Hier wird nicht nur Geld, sondern vor allem Identität gewählt.
Der zweite Aspekt der Identität betrifft die Freiheit. Die amerikanische Kultur hatte ungefähr 200 Jahre lang einen automatischen Selektionsmechanismus für Freiheit. Jeder der die ungeheuren Strapazen und Kosten auf sich nahm in die USA zu kommen, der floh meistens wegen der Freiheit und schätzte sie, oder er besaß den Pioniergeist, der ihn über den Atlantik trieb und Einmischung in seine Träume verachtete. Dies hat sich spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts geändert. Nicht nur stellt die Reise nach Amerika kein großes Risiko mehr da, der auch dort existente Wohlfahrtsstaat sorgt dafür, dass nun auch die kommen, die einen eher sozialistischeren Geist haben und kein Problem damit haben wenn entweder sie sich vom Staat aushalten lassen, oder andere es tun. Generation für Generation verliert ein ums andere Mal ein wenig Elan für die Freiheit. Mehr Einschränkungen der Meinungsfreiheit, mehr Waffengesetze, mehr Staat, mehr Krieg, mehr Bespitzelung, es wird immer mehr akzeptiert, weil Amerika kein Land mehr ist, in dem die Verteidigung der Freiheit eine Voraussetzung für persönlichen Erfolg ist. Und diese Identität, dieses Selbstverständnis, wird durch Einwanderung stark verändert. Studie um Studie belegt, dass die Neuankömmlinge, wenig überraschend, die Kultur ihrer Heimat mitbringen und seit einigen Jahrzehnten keinen Anreiz mehr haben die ihres Gastlandes zu übernehmen. Das Ergebnis schlägt sich auch in Wahlen, tendenziell für die Demokraten, nieder. Forciert wird dies inzwischen ganz bewusst, so hat die Regierung Obama zum Beispiel syrische Flüchtlinge ausschließlich in Gemeinden und Kreisen untergebracht, die bisher stabile Mehrheiten für die Republikaner liefern. Da Obama schon zahlreiche Amnestien und Staatsbürgerschaften für illegale und legale Einwanderer verliehen hat, und damit das Wahlrecht, haben wir es hier mit demographischem Wahlkampf zu tun.

Und hier, im letzten Satz, zeigt sich der Grund warum so viele Libertäre und staatsskeptische Konservative auf einmal auch denen hinterherlaufen, die keine dezidierten Libertären sind, wie Trump, der AfD, oder UKIP. Identität, so könne man ja meinen, wäre kein libertäres Problem an sich, denn die sollte ja nicht befohlen werden und da stimme ich zu. Aber die Situation ist anders. Den Wohlfahrtsstaat auch deswegen abzuschaffen, weil das zu weniger Armutsmigration führt, das war schon länger ein Argument, aber eher ein langfristiger Ansatz. Nun, wo diese Völkerwanderung im Gange ist, ausgelöst durch staatliche Kriege, gefördert durch staatliche Anreize und ohne jegliche Intervention auf expliziten Wunsch der Regierungen, ist eine langfristige Lösung lächerlich. Jetzt macht es Sinn denen, die einen Wohlfahrtsstaat unterstützen, zu zeigen was er auslösen kann, aber es ist absolut utopisch ihn so schnell abzuschaffen, dass es noch möglich ist den demographischen Wahlkampf so vieler Regierungen zu unterbinden. Es ist schon so hart genug Europäer und Amerikaner, die zumindest in einer Tradition von Freiheit und Kapitalismus, wenn auch nicht immer in einer solchen Realität, leben, von libertären Werten zu überzeugen. Wie wird es dann erst die zu überzeugen, bei denen Religion, Tradition, Anreize und Kultur diesen Idealen komplett entgegen stehen.

It’s not the economy, stupid! Wer sich am Kopf kratzt und fragt wie man als freiheitsliebender Mensch nur so dumm sein kann für eine Partei mit Mindestlohn im Programm zu sein, oder eine Mauer an der Grenze zu bauen, oder aus einem gemeinsamen Markt auszutreten, der hat nichts verstanden. Den Wählern ist es durchaus bewusst, ihnen ist nur zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg anderes wichtiger. Wer den Libertarismus über das Chaos-Jahr 2016 retten will, der muss wissen wie man diese Sorgen und Nöte mit libertärer Politik ansprechen kann.

Teil 2: Der irrationale Widerstand 

Teil 3: Links sind alle Hemmschwellen gefallen

+++++++++++++++++++++++

Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, dann teilen Sie ihn. Auf Facebook, Twitter, oder wo immer sie aktiv sind. Mit jedem Klick unterstützen Sie die Arbeit des Baumhaus des Westens. Wenn Sie weiter auf dem Laufenden bleiben wollen, dann abonnieren Sie uns auf:

https://www.facebook.com/baumhausdeswestens

https://twitter.com/BaumhausdesWest

Advertisements

Warum Amerika Angst vor der Krankenversicherung hat – und warum wir sie auch haben sollten

Als vor wenigen Jahren in den USA Barack Obama seine große Gesundheitsreform, allgemein „Obamacare“ genannt, durch das Parlament brachte, da bot sich für uns Europäer ein faszinierendes Schauspiel: Die Tea Party Bewegung demonstrierte jahrelang (und tut es immer noch), Politiker zogen vor das Verfassungsgericht (und verloren nur knapp mit 4-5), Präsidentschaftskandidat Mitt Romney und auch die aktuellen Republikaner versprechen die Abschaffung des Gesetzes. All das wegen der Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung. Immerhin heißt das Gesetz Patient Protection and Affordable Care Act (Patientenschutz- und bezahlbare Fürsorge-Gesetz). Wie kann man denn da bitte etwas dagegen haben?

Die Unterzeichnung von „Obamacare“ (natürlich nicht ohne Kind als Dekoration)

Nun, befassen wir uns erstmal mit dem Gesetz an sich, dann mit solchen Gesetzen im Allgemeinen:

  • Guaranteed Issue: Von nun an darf keine Versicherung mehr Kunden ablehnen, die bereits eine schwere (und teure) Krankheit haben. Außerdem dürfen sie für Patienten des selben Alters und des selben Wohnorts keine unterschiedlichen Preise verlangen (auch wenn diese unterschiedliche Krankheitsgeschichten haben). Im Klartext heißt das, dass Versicherungen ihr Wirtschaftsmodell nicht mehr durchführen können. Eine Versicherung verdient Geld, wenn sie in Gebühren mehr einnimmt, als sie in Schadensfällen auszahlt. Ergo muss sie, wenn sie schon keine Kunden ablehnen darf, wenigstens mehr von, z.B. Extremsportlern, als von Büroarbeiten mit Marathon-Hobby verlangen, da bei ersteren höhere und häufigere Kosten zu erwarten sind. So bleibt sie solvent und kann auch nur so weiter für unerwartete Schadensfälle bei Patienten mit niedrigem Risiko und Beitrag aufkommen. Diese Unterschiede dürfen nicht mehr gemacht werden. Das Ergebnis ist, dass Versicherer keine Wahl haben, als auch für Patienten, die auf sich aufpassen, Raten zu verlangen, als wären sie übergewichtige Schwerstalkoholiker im Bergbau. „Affordable“ ist anders. Der unbedingte Zwang Kunden anzunehmen, übertragen auf andere Versicherungen würde außerdem bedeuten, dass man mit dem Abschluss einer Versicherung gegen Feuerschäden warten kann bis das Haus brennt und trotzdem alles bezahlt kriegt.
  • Individual Mandate: In den USA gab es bisher nur zwei Sozialprogramme für Gesundheitsversorgung, Medicare und Medicaid, die eine Grundversorgung für Alte und Arme sicherstellt. Ein Großteil der USA war außerdem privat versichert. Dazu kommt, dass viele Ärzte in den USA Bargeld akzeptieren, was jeweils Behandlungen und Medikamente deutlich billiger machte (Flaschen mit 200 Aspirin-Tabletten gibt es bei Wal-Mart für wenige Dollar). Schließlich boten große und kleine Unternehmen Versicherungen für ihre Angestellten an (ein großer Fehler in Breaking Bad war z.B., dass Lehrer in New Mexico auch in Sachen Lungenkrebs gut über ihre Gewerkschaften versichert sind). Wer damit zufrieden ist, der hat ab sofort Pech. Unter Obamacare muss man sich selbst versichern, oder eine Strafe zahlen. Es gibt einen allgemeinen Zwang sich zu versichern, auch wenn man, eigenverantwortlich, die Entscheidung getroffen hat, dass man eine Versicherung nicht braucht.
  • Subventionen: Kein staatliches Programm ohne Geldgeschenke. Aus Steuergeldern kriegen Haushalte, die bis zu dem Vierfachen der Armutsgrenze zur Verfügung haben, Geld zum erzwungenen Erwerb einer Versicherung. Was erstmal nett klingt, ist aber beim genauen Hinschauen ein Witz. Erst werden (auch) einkommensschwache Familien gezwungen sich zu versichern, dann gibt man ihnen einen Teil (!) der Kosten wieder. Das Ergebnis sind Mehrkosten.
  • Standards: Sind Sie ein Mann? Deckt Ihre Versicherung Gebärmutterkrebs und die Pille ab? Nein? Dann ab in die USA. Solche und andere dämliche Regulierungen gibt es nun. Und sie betreffen von der betrieblichen Versicherung, bis zur privaten Zahnersatzversicherung alle alten und neuen Verträge. Obama hatte noch im Wahlkampf versprochen, dass jeder seine Versicherung behalten könne, wenn er wolle. Millionen Amerikaner haben seit diesem Versprechen ihre Versicherung verloren, weil sie den Standards nicht mehr entspricht.

 

Also ok, dieses eine Gesetz mag ein Fehlschlag sein. Aber vielleicht ist es ja einfach ein Einzelfall. Bei uns funktioniert es doch, oder? Nun, selbst wenn es funktionieren würde (was es auf Dauer nicht mehr tut), gäbe es ganz grundsätzliche Probleme mit jeder Form von Krankenversicherung:

In einem zumindest teilweise steuerfinanzierten Gesundheitssystem verlieren wir die Verantwortung für unsere Gesundheit. Wenn im Zweifelsfall der Steuerzahler für meine Krankheiten und Gebrechen aufkommt, habe ich weniger Anreize auf meine eigene Gesundheit zu achten. Ich kann rauchen, saufen, fressen und natürlich auf Sport verzichten. In Deutschland, wo die Versicherungen ja noch persönlich abgeschlossen werden, gibt es z.B. die Möglichkeit durch regelmäßigen Sport die Raten zu drücken. In Systemen wie dem britischen National Health Service, wo grundsätzlich jeder Arztbesuch und Krankenhausaufenthalt vom Steuerzahler übernommen wird, kann es solche Anreize nicht geben. Auch in Deutschland steht, ganz am Ende, das soziale Auffangnetz. Dies bedeutet nicht nur, dass ich meine gesundheitlichen Probleme im Zweifelsfall auf andere abwälzen kann, es bedeutet auch, dass meine Gesundheit ein Fall für die Politik wird. Das klassische Beispiel ist das Rauchverbot. Rauchen verursacht Kosten für die Allgemeinheit, also wird es, an öffentlichen Orten, in Restaurants etc. verboten.

Man kann dem Staat solche Maßnahmen eigentlich kaum verdenken. Ähnlich wie Eltern, die für die Versicherung der Kinder aufkommen und (auch) dadurch ein Interesse haben sie gesund zu halten, haben wir dem Staat die Verantwortung für uns überlassen. Geld verlangen, ohne sich Bedingungen gefallen zu lassen geht halt nicht. Aber hier wird es eben auch gefährlich. Nennen Sie mal einen Bereich ihres Lebens, der nicht Einfluss auf ihre Gesundheit hat… Arbeit, Essen, Hobbies, Bildung, Wohnort, selbst Kleidung erhöht oder senkt das Risiko von Schadensfällen und damit in letzter Konsequenz Kosten für den Staat. In dem Moment in dem wir vom Staat verlangen, dass er für uns zahlt, oder uns unterstützt, geben wir ihm Legitimation in jeden, wirklich jeden einzelnen Bereich unseres Lebens einzugreifen. Und diese Eingriffe sind bisher nur mehr geworden, nie weniger.

Warum also nicht den freien Markt wirken lassen? Niemand, außer den allerhärtesten Kommunisten, würde behaupten, dass der Staat Brot backen muss, damit niemand verhungert. Aber Krankenversicherungen? Nein, da muss der Staat (mit) ran. Der freie Markt, der uns das Iphone auch ohne ein Smartphone-Ministerium gebracht hat, der kann uns auch Gesundheitsversorgung ohne Gesundheitsministerium bieten. Wenn nur noch ich für meine Gesundheit verantwortlich bin, dann bin ich vielleicht bereit auf bestimmte Aspekte meiner Versicherungen zu verzichten und in diesen Bereichen selbst zu sparen und vorzusorgen. Wenn mir meine Versicherung nicht gefällt, dann wechsele ich sie. Und vor allem: Ihnen kann es sonstwo und ganz besonders am Geldbeutel vorbeigehen, ob ich mir auf meinem Weg zum Mountainbiking ohne Helm noch schnell den Double-Bacon-XXL-Burger und ne schnelle filterlose Zigarette gönne.

Mein Schwimmbad hat ein Drehkreuz, Wien hat Schönbrunn

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die ganz ganz kleinen Dinge, die einen in ganz und gar merkwürdigerweise zum Nachdenken und in gewisser Weise zum Verzweifeln bringen. So geschehen neulich in meinem örtlichen Schwimmbad. Dort schwimme ich regelmäßig (was sonst) und bisher war der Eintritt ganz simpel geregelt: Man geht vorne an die Kasse, zeigt entweder die 10er-Karte bzw. den Saisonpass vor, oder zahlt seinen Eintritt. Dieser Eintritt ist natürlich massiv subventioniert, und dementsprechend billig, solange man nicht die eigenen Steuern dazurechnet, die man für das Schwimmbad zahlt, ob man hingeht oder nicht. Aber seit kurzem hat das Schwimmbad Drehkreuze mit einem Barcode-Leser und nun kauft man am Schalter ein Ticket, geht dann zwei Schritte weiter, hält das Ticket an den Sensor und wird dann hereingelassen.

Das regt mich auf. Warum? Nun, warum werden solche automatischen Drehkreuze, zum Beispiel in U-Bahnhöfen installiert? Weil ein paar Euro Strom pro Monat für diese Automaten deutlich, deutlich billiger sind, als einige hundert Euro für einen Mitarbeiter am Einlass, der kontrolliert, ob auch alle ein Ticket haben. Meist gibts das ganze in Verbindung mit einem Automaten, an dem auch der Verkauf nun ohne Personalkosten abgewickelt wird. Dabei nimmt der kluge Geschäftsmann ganz bewusst in Kauf, dass so ein Drehkreuz weniger Menschen vom z.B. Schwarzfahren abhält, als ein Sicherheitsmann, die Einsparungen machen das aber mehr als gut.

Was dachte sich aber meine Bezirksverwaltung? Irgendjemand muss dort irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dass in diesem Schwimmbad teure Drehkreuze angeschafft werden sollen. Warum? Gute Frage, das Personal hat man nämlich nicht eingespart. Die Anschaffungs- und Installationskosten werden gut und gerne dem Jahresgehalt eines oder sogar mehrerer Mitarbeiter des selben (man muss es betonen: größtenteils steuerfinanzierten) Schwimmbads entsprochen haben. Die Entscheidung kann nicht aus marktwirtschaftlichen Gründen gekommen sein, es entstehen ja nur zusätzliche Kosten, kein Nutzen. Sollte wirklich jemand an der Empfangsdame einfach ins Schwimmbad rennen, kann immer noch die Polizei gerufen werden, sie muss sich niemandem in den Weg stellen. Wer aber so dreist ist, der springt auch über Drehkreuze. War es ein Prestigeprojekt? Wollte jemand auf Teufel komm raus neue Technik anschaffen? Gab es eine EU-Richtlinie zur Drehkreuzpflicht in kommunalen Schwimmbädern? Kannte jemand einen Drehkreuzhersteller? Gab es Fördergelder aus irgendwelchen Fördertöpfen zu verbraten? Setzte das berühmte Dezemberfieber ein? Das ganze in einer Zeit, in der Reihenweise Schwimmbäder dicht machen und alle Bäder jährlich steigende Defizite erbringen. Sie meinen vielleicht, dass ich hier ein wenig zu viel auf ein paar Tausend Euro herumreite, es gibt doch deutlich größeres, wichtigeres. Warum nicht darüber aufregen? Ich kann Ihnen sagen warum nicht: Nehmen wir mal was richtig großes als Beispiel!

Groß genug?

© Thomas Wolf, www.foto-tw.de

Genau, das ist Schloss Schönbrunn in Wien. Ich liebe Schloss Schönbrunn, genauso wie ich Wien als Ganzes liebe. Schloss Schönbrunn wurde seit dem 17. Jahrhundert langsam aber sicher in den Prachtbau umgebaut, den man heute sieht. Der Palast hat 1.441 Zimmer, dazu einen riesigen Garten, in dem unter anderem der komplette Wiener Zoo Platz hat. Man bedenke nur, dass all dies, hauptsächlich im 18. Jahrhundert ohne moderne Baumaschinen gebaut wurde, ohne moderne billige Baumaterialien, die ohne moderne Maschinen abgebaut und transportiert wurden. Man bedenke, wie viele Bauarbeiter beschäftigt waren, wieviele Handwerker, Diener, Gärtner, Tierpfleger, Soldaten, Kutscher etc. allein für den normalen Unterhalt des Schlosses bezahlt werden mussten. Wie viele Tonnen Feuerholz und Kohle haben das Schloss beheizt, wie viele Viehherden sind auf der kaiserlichen Tafel gelandet? Und Schönbrunn ist nicht der einzige Palast. In Wien steht noch die unglaubliche Hofburg, oder das Schloss Belvedere, sowie viele größere und kleinere Paläste und Palazzos. Und das ist nur Wien. Österreich-Ungarn war von Jagd- und Residenzschlössern aller Adligen gespickt. All dies wurde finanziert, während gleichzeitig eine Armee, ein Staat mit einem kompletten Beamtenapparat, diverse Institutionen und auch Wohltätigkeiten unterhalten wurden.

Ich finde Schönbrunn nicht annähernd so schlimm wie das Drehkreuz in meinem Schwimmbad. Als dieser und weitere Paläste gebaut wurden, war die Staatskasse der persönliche Besitz der Kaiser. Schulden waren die Schulden des Kaisers, Überschüsse waren die Überschüsse des Kaisers. Die unglaublichen Paläste Wiens (und vieler anderer Staaten) sind eine direkte Funktion der wirtschaftlichen Stärke der jeweiligen Staaten. Natürlich bin ich kein Freund der Monarchie an sich, dass Geld wäre sinnvoller in der Wirtschaft angelegt, sicherlich. Die Donaumonarchie hat es aber geschafft solche Monumente in die Welt zu stellen und dabei eine Haushaltssolidität vorzulegen, die kein moderner Staat im Westen auch nur ansatzweise vorweisen kann. In einer Welt in der Staatsschuldenkrisen einander jagen, die Wirtschaft der halben EU auf der Kippe steht, Sparmaßnahmen mit einer schlichten Absichtserklärung als erledigt angesehen werden, in dieser Welt baut mein defizitäres Kommunalschwimmbad ein Drehkreuz. Und das regt mich auf!

Zwei Steinzeitmenschen und ein Astronom

Wenn zwei Menschen einen Handel abschließen wollen, dann kostet das Geld. Also nicht nur das Geld für den Handel an sich, sondern es kostet Steuern, viele Steuern. Außerdem müssen bestimmte Regeln eingehalten werden, also nicht nur die Regel, dass man sich nicht bescheißt, sondern unsere weisen Damen und Herren von der Regierung, haben ganz bestimmte Regeln erdacht. Man muss zum Beispiel bestimmte Sätze mit ganz bestimmten Unterschriften auf einem ganz bestimmten Papier haben, dann darf man seinen Laden aufmachen, nachdem man für das Papier bezahlt hat. Auf anderen Stücken Papier stehen nochmal andere Sätze, denen man unbedingt hörig sein muss. Die Regulierung der Bananenkrümmung zum Beispiel ist zwar tatsächlich nicht auf dem Mist der EU gewachsen (die Regulierungen gab es schon vorher), aber ihre bloße Existenz ist schon himmelschreiender Unsinn. In Amerika arbeitet sich gerade der Elektroautohersteller Tesla nach vorne und kriegt gleich die Tür des Staates New Jersey vor der Nase zugeschlagen. Denn Tesla verkauft die Autos selbst, nicht durch Filialen, das ist in New Jersey illegal, weil ist so. Gleichzeitig laufen, auch in Deutschland die Taxifahrer Sturm gegen neue Apps, die es Menschen erlauben sich gegenseitig (auch für Geld, aber auch kostenlos) mitzunehmen. In den USA wurde die New Yorker Polizei schon angewiesen gegen alle diese Schrecklichkeit vorzugehen. Nutzer der App sollen angehalten und kontrolliert werden um „eine Botschaft“ zu senden. Und natürlich werden an den Grenzen der EU derzeit Autos unter anderem darauf kontrolliert, ob man Glühbirnen mit der Absicht sie zu verkaufen dabei hat. Da fragt man sich natürlich, wieso muss der Staat eigentlich überall eingreifen? Müssen wir auf dem Markt geschützt werden, weil wir (aber nicht irgendein Beamter) zu blöd sind den echten Wert, oder die echte Qualität von etwas zu erkennen? Und müssen die ganz bösen Herren in Grau, also die bösen Buben, die ganz viel Geld verdient haben, entsprechend besteuert werden, damit man diese himmelschreiende Ungerechtigkeit wieder ausgleicht? Nun Bill Whittle, ein amerikanischer Publizist, hat eine schöne Geschichte dazu, hier von mir übersetzt:

In der Steinzeit leben zwei Stämme in zwei Tälern. Der Stamm im Osten lebt in einem Wald voller Tiere und ist deswegen sehr gut im Jagen geworden. Die Männer und Frauen des Oststammes haben Speere entwickelt, die immer treffen, selten kaputt gehen und wiederverwendbar sind. Allerdings haben sie darüber das Sammeln vernachlässigt und ihre Körbe sehen eher aus wie grobmaschige Siebe. Auf dem Heimweg fällt da immer die Hälfte raus. Der Stamm im Westen wiederum lebt in einem Wald voller Büsche und Bäume mit Früchten. Sie haben Körbe entwickelt, die sogar Wasser transportieren können. Allerdings haben sie das Jagen vernachlässigt, so dass ihre Speere nicht viel mehr als kleine, wackelige Äste sind.

Eines Tages treffen sich ein Jäger vom Oststamm und ein Sammler vom Weststamm. Der Ost-Mann sagt: „Mein Gott, das ist der beste Korb den ich je gesehen habe.“ Der Westmann sagt: „Wenn ich das Kompliment zurückgeben darf, dieser Speer ist unglaublich.“ Beide entscheiden sich dazu, dass sie tauschen. Die Frage ist, wer hat den besseren Deal gemacht? Wer ist reicher als vorher? Die Antwort ist einfach: Beide! Der Ost-Mann findet den Korb wertvoller, als den Speer und der West-Mann findet den Speer wertvoller, als den Korb. Aber nicht nur das, sie haben ihre Stämme reicher gemacht. Es wird mehr Früchte im Osten geben und mehr Fleisch im Westen. Aber selbst das ist nicht alles. Der Ost-Mann denkt nämlich weiter. Wenn er eine Stunde länger abends wach bleibt, dann kann er pro Woche einen weiteren Speer herstellen und der West-Mann denkt das selbe mit den Körben. Und jede Woche treffen sie sich und tauschen. Beide Stämme haben mehr zu Essen, beide Stämme haben Wohlstand aus dem Nichts erschaffen.

Ich würde in Bill Whittles Geschichte sogar noch weiter führen. Denn eines Tages hat der Ost-Stamm genug Körbe, so dass so viel Essen da ist, dass der Ost-Mann eine Stunde weniger am Tag Jagen gehen muss und trotzdem haben alle genug zu Essen. Jetzt arbeitet er genauso viel wie vorher, aber er ist reicher. Und der kleine schwache Junge in der Gruppe, der nicht auf die Jagd kann und auch keinen Korb tragen kann, der hat jetzt eine Aufgabe, die er physisch schafft, er schnitzt. Vorher war er der Gruppe gegenüber völlig nutzlos, jetzt schafft er Mehrwert. Und jetzt da alle mehr zu futtern haben, kann die Gruppe wachsen. Da jedes einzelne Stammesmitglied mehr Nahrung heranschafft, als es selbst braucht, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem einer gar nicht mehr Essen sammeln muss.

Und damit kommen wir zu dem Astronom. Ich frage mich ja wie das damals gewesen sein muss, als zum ersten Mal einer gesagt hat, dass er lieber kein Essen besorgen will, sondern stattdessen tagsüber pennt und nachts die Sterne angucken will. Erst der geschaffene Wohlstand machte so etwas und schließlich unsere Zivilisation möglich. Und das gilt nicht nur für die Steinzeit. Wenn heute jemand eine Maschine entwickelt, die zum Beispiel einen VW Golf für 1000 € weniger herstellen kann und deswegen der Preis sinkt, dann hat jeder Käufer eines VW Golfs den Mehrwert Auto in seinem Leben, plus 1000 € in der Tasche, die er sonst nicht hätte. Er kann diese 1000 € dann für etwas ausgeben, dass er sich vorher nicht leisten konnte. Und ein paar von diesen Euros werden zum Beispiel für ein Essen im Restaurant ausgegeben und zwar von genug Leuten, dass Herr Schmidt’s lange gehegter Traum eines eigenen Fischrestaurants wahr wird, denn Kochen ist das einzige was er wirklich kann und jetzt kann er auch noch davon leben.

Aber der Staat ist der Meinung, dass wenn einer schreit: „Ich habe einen Apfel und hätte gerne Geld dafür!“ und der andere schreit: „Ich habe Geld und hätte gerne einen Apfel dafür!“, unbedingt noch jemand von der Regierung dazwischenschreien muss: „Sie sind kein lizenzierter Apfelhändler und um die Uhrzeit ist kein Markt hier auf dem Platz und außerdem haben sie Gentechnik benutzt um den Apfel zu produzieren, dass ist verboten und wir hatten noch keine Möglichkeit alle ihre verwendeten Dünger zu überprüfen und ihr Apfel widerspricht in Form und Farbe insgesamt 14 EU-Normen und schließlich und endlich hätte ich dann gerne noch ein paar Prozent des Verkaufswertes, Dankeschön!“ Wenn der freie Austausch von Waren, Dienstleistungen und Ideen immer und immer mehr reguliert wird, dann wird eben keine Maschine für VW hergestellt, weil  zum Beispiel ein Mindestlohn dafür gesorgt hat, dass der Typ, der später die Maschine erfindet, gar nicht erst als Azubi eingestellt wurde. Dann schafft es Schmidt’s Fischrestaurant nicht über das erste Jahr. Dann verletzt das neue IT-Start-up eines jungen Genies eine der hundert neuen Regulierungen die pro Jahr kommen, von denen er noch nie gehört hat und die Geldstrafen treiben die Firma in den Bankrott, noch bevor sie den nächsten großen Sprung in der Welt der Technik schaffen.