Finanzen

Eat the Rich, die Umverteilung durchgerechnet

Deutschland ist ein reiches Land. Unsere Unternehmen sind erfolgreich, knapp jeder 82. Bürger ist Millionär, nur wenige Länder können mit unserem Lebensstandard mithalten und selbst die Leute, die in den sozialen Sicherungssystemen ihr Auskommen finden müssen, leben ohne akute Bedrohung zu verhungern, zu erfrieren oder ohne ärztliche Behandlung zu leiden. Es scheint also absolut nachvollziehbar zu sein, dass der deutsche Staat von dieser reichen Bevölkerung einen nicht unerheblichen Beitrag verlangt, um diesen Wohlstand z.B. gegen äußere Feinde zu verteidigen, durch Diplomatie zu verbessern und ihn natürlich nach unten zu verteilen, wo er am dringendsten benötigt wird. Dabei wird immer wieder der Ruf laut, dass es in Deutschland trotz allem doch sehr sozial ungerecht zugehen würde. Die Reichen werden immer reicher, und das auf Kosten der Ärmeren. Eine Reichensteuer muss her, vielleicht gleich eine Beschlagnahmung, vielleicht auch eine 100% Erbschaftssteuer, so lange man die Kohle, die da oben festsitzt endlich für sinnvolleres als Hummer, Champagner und teure Autos einsetzen kann. Wie sähe das in der Praxis aus? Ein Gedankenexperiment:

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Der Bundeshaushalt 2014 beträgt rund 296,5 Milliarden Euro, dazu kommen die Haushalte der Länder, die zusammen 323,785 Mrd Euro ausmachen, sowie die kommunalen Haushalte, die mit knapp 183,8 Milliarden Euro zu Buche schlagen. Das sind an Gesamthaushalten zusammen 804,08 Mrd Euro pro Jahr, das sind 2,202 Milliarden Euro am Tag, 91,789 Millionen Euro pro Stunde, 1,5 Millionen Euro pro Minute. Diese große, gierige Maschine muss gefüttert werden, mit unseren Steuergeldern und mit Schulden. Wie viel einfacher wäre es, wenn wir einfach mal drauf los beschlagnahmen und uns das Geld da holen wo es sitzt, bei den fetten Geldsäcken da oben. Wir beginnen bei den Top 100 der reichsten Deutschen, sie können natürlich große Schnitte verkraften, also nehmen wir Ihnen mit einmal 50% ihres Vermögens. Das sind 199,9 Mrd Euro damit bezahlen wir den Staat bis:

Ja, bis zum 01. April um 18 Uhr. Ok, weiter wir haben ja gerade erst angefangen. Es geht ja noch reicher. Nehmen wir das Geld der Top 500 reichsten Deutschen. Das Vermögen der übrigen 400 halbieren wir auch mit einem Federstrich und das bringt uns 105,97 Milliarden Euro. Die Kasse klingelt:

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Nun sie klingelt bis zum 23. Mai um ziemlich genau 17 Uhr. Nein, es hilft nicht, wir müssen sie ganz enteignen, bzw. lassen wir Ihnen den Millionärsstatus, jeder der aus der Top 500 darf eine Millionen behalten, wir holen uns die restlichen 305,37 Mrd Euro und dann wird verprasst!

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Und zwar bis 9 Uhr morgens am 9. Oktober, aber immerhin, wir haben einen gewaltigen Sprung gemacht. Aber wir können noch Kohle rausholen. Diese ganzen Superreichen haben ja auch Unternehmen, gut diese Unternehmen sind jetzt alle größtenteils liquidiert, da wir sie ja soeben von den ganzen Familien beschlagnahmt haben und dann alles Geld sofort ausgegeben haben, aber noch haben wir ja Jahresgewinne aus dem Geschäftsjahr. Holen wir uns doch einfach mal Aldi, der frisch verstorbene Gründer wird’s uns nicht übel nehmen, und beschlagnahmen den ganzen Jahresgewinn aus Deutschland. Damit kommen wir bis:

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… ja genau, dass ist der selbe Kalender, wir haben es nämlich nur bis 14 Uhr am 9. Oktober geschafft, ganze drei Stunden. Ok, wir wollen ja heute mal links sein und deswegen verachten wir ein wenig Leistung. Nehmen wir diese verdammten Bayern, sie gewinnen sich durch die Bundesliga und kriegen dafür Geld sonstwo reingeblasen. Da steckt die Kohle, die wollen wir haben, wir beschlagnahmen also alle Spielergehälter des FC Bayern aus der 1. Mannschaft (dann hat auch vielleicht jemand anderes eine Chance) und verdienen uns so 146 Millionen Euro. Ok machen wir gleich nen guten Schnitt und nehmen uns den Gewinn der FC Bayern München AG (ein Verein sollte eh nicht an die Börse gehen), dass sind … nun ja das sind 16,5 Millionen Euro, drauf geschissen, wir holen uns die AG , die 658 Millionen Euro wert ist und wir sind bei:

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Ja, immer noch am 9. Oktober, nur ist es jetzt 23 Uhr. Wir kleckern noch, es wird Zeit zu klotzen! Und wo kann man klotzen, wenn nicht bei den verdammten Banken in Deutschland, immerhin waren es die gierigen Banken, die uns in den Ruin getrieben haben. Wir schnappen uns den Gesamtgewinn aller Banken in Deutschland und der ist 14,3 Milliarden Euro, endlich wieder etwas mit Milliarden. Der große Sprung nach vorne endet am:

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16. Oktober, um 11 Uhr vormittags. Ok, es kann nicht so schwer sein, wir schwimmen doch in Geld und es steckt doch nur bei den ganzen Großkopferten in Frankfurt, München etc. Also wie machen wirs? Folgendermaßen: Der durchschnittliche Jahreslohn in Deutschland beträgt 31.089 Euro brutto, da wir ja gerade den Staat durch Enteignungen finanzieren müssen wir ja keine Steuern erheben, wir arbeiten also mit brutto. Sagen wir, dass in unserer schönen neuen Welt jedem Deutschen egal ob Rentner oder Säugling genau diese Summe pro Jahr zusteht, alles was man mehr auf dem Konto hat, wird abgeschöpft. Auf deutschen Konten und in deutschen Geldbeuteln sind derzeit rund 2 Billionen Euro, abzüglich der 2,5 Billionen Euro die jedem also pro Jahr zustehen… oh… ja, verdammt, wir müssen eine halbe Billion draufzahlen. Ok, also schnappen wir uns aus den Geldvermögen der Bürger noch ihre Pensionsrückstellungen (sie kriegen ja ihr gerechtes Jahresgehalt vom Staat) in der Höhe von 351 Milliarden Euro und ihre Investmentzertifikate (451 Mrd) und schon haben wir einen Überschuss für den Staat von rund 303 Milliarden Euro.

Endlich, das dürfte reichen, wir haben sogar am 31. Dezember rund 170 Milliarden Euro übrig, um unsere Staatsschulden zu tilgen. Allerdings betragen diese derzeit 2.146.808.326.178 Euro, wenn Sie das hier lesen schon viel mehr. Wir können damit also rund 8% unserer Staatsschulden tilgen.

Und jetzt? Es ist der 1. Januar 2016. Wir haben Firmen, Vermögen, Bankkonten und ein paar Gehälter liquidiert und ihr Geld wieder ausgegeben. Der Staat ist finanziert und jeder Bürger hat sein Durchschnittsgehalt. Weiter? Der Haushalt 2016 muss gemacht werden. Wieder die reichsten 500 enteignen? Geht höchstens noch einmal, dann ist auch die zweite Hälfte weg. Die Bayerngehälter nochmal holen? Ah, nee es kriegt auch da ja jetzt jeder nur noch 31.089 Euro. Noch ein Unternehmen liquidieren, oder die Gewinne holen? Ach so, die die wir nicht liquidiert haben sind ausgewandert. Warum? Weil wir wie wild angefangen haben Firmen zu liquidieren. Gutes Argument.

Naja, vielleicht nehmen wir ja einfach erstmal Schulden auf und kurbeln die Wirtschaft an. Aber immerhin ist alles jetzt viel gerechter.

Fazit: Das ist natürlich nur ein Gedankenexperiment. Es hat seine (Rundungs-)Fehler und ist natürlich unrealistisch. Man sieht aber gut wie sich unser Staatsapparat aufgebläht hat. Wir können beschlagnahmen, das kann eine Zeit gut gehen. Wir können aber auch einfach mal anfangen zu sparen.

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Mein Schwimmbad hat ein Drehkreuz, Wien hat Schönbrunn

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die ganz ganz kleinen Dinge, die einen in ganz und gar merkwürdigerweise zum Nachdenken und in gewisser Weise zum Verzweifeln bringen. So geschehen neulich in meinem örtlichen Schwimmbad. Dort schwimme ich regelmäßig (was sonst) und bisher war der Eintritt ganz simpel geregelt: Man geht vorne an die Kasse, zeigt entweder die 10er-Karte bzw. den Saisonpass vor, oder zahlt seinen Eintritt. Dieser Eintritt ist natürlich massiv subventioniert, und dementsprechend billig, solange man nicht die eigenen Steuern dazurechnet, die man für das Schwimmbad zahlt, ob man hingeht oder nicht. Aber seit kurzem hat das Schwimmbad Drehkreuze mit einem Barcode-Leser und nun kauft man am Schalter ein Ticket, geht dann zwei Schritte weiter, hält das Ticket an den Sensor und wird dann hereingelassen.

Das regt mich auf. Warum? Nun, warum werden solche automatischen Drehkreuze, zum Beispiel in U-Bahnhöfen installiert? Weil ein paar Euro Strom pro Monat für diese Automaten deutlich, deutlich billiger sind, als einige hundert Euro für einen Mitarbeiter am Einlass, der kontrolliert, ob auch alle ein Ticket haben. Meist gibts das ganze in Verbindung mit einem Automaten, an dem auch der Verkauf nun ohne Personalkosten abgewickelt wird. Dabei nimmt der kluge Geschäftsmann ganz bewusst in Kauf, dass so ein Drehkreuz weniger Menschen vom z.B. Schwarzfahren abhält, als ein Sicherheitsmann, die Einsparungen machen das aber mehr als gut.

Was dachte sich aber meine Bezirksverwaltung? Irgendjemand muss dort irgendwann die Entscheidung getroffen haben, dass in diesem Schwimmbad teure Drehkreuze angeschafft werden sollen. Warum? Gute Frage, das Personal hat man nämlich nicht eingespart. Die Anschaffungs- und Installationskosten werden gut und gerne dem Jahresgehalt eines oder sogar mehrerer Mitarbeiter des selben (man muss es betonen: größtenteils steuerfinanzierten) Schwimmbads entsprochen haben. Die Entscheidung kann nicht aus marktwirtschaftlichen Gründen gekommen sein, es entstehen ja nur zusätzliche Kosten, kein Nutzen. Sollte wirklich jemand an der Empfangsdame einfach ins Schwimmbad rennen, kann immer noch die Polizei gerufen werden, sie muss sich niemandem in den Weg stellen. Wer aber so dreist ist, der springt auch über Drehkreuze. War es ein Prestigeprojekt? Wollte jemand auf Teufel komm raus neue Technik anschaffen? Gab es eine EU-Richtlinie zur Drehkreuzpflicht in kommunalen Schwimmbädern? Kannte jemand einen Drehkreuzhersteller? Gab es Fördergelder aus irgendwelchen Fördertöpfen zu verbraten? Setzte das berühmte Dezemberfieber ein? Das ganze in einer Zeit, in der Reihenweise Schwimmbäder dicht machen und alle Bäder jährlich steigende Defizite erbringen. Sie meinen vielleicht, dass ich hier ein wenig zu viel auf ein paar Tausend Euro herumreite, es gibt doch deutlich größeres, wichtigeres. Warum nicht darüber aufregen? Ich kann Ihnen sagen warum nicht: Nehmen wir mal was richtig großes als Beispiel!

Groß genug?

© Thomas Wolf, www.foto-tw.de

Genau, das ist Schloss Schönbrunn in Wien. Ich liebe Schloss Schönbrunn, genauso wie ich Wien als Ganzes liebe. Schloss Schönbrunn wurde seit dem 17. Jahrhundert langsam aber sicher in den Prachtbau umgebaut, den man heute sieht. Der Palast hat 1.441 Zimmer, dazu einen riesigen Garten, in dem unter anderem der komplette Wiener Zoo Platz hat. Man bedenke nur, dass all dies, hauptsächlich im 18. Jahrhundert ohne moderne Baumaschinen gebaut wurde, ohne moderne billige Baumaterialien, die ohne moderne Maschinen abgebaut und transportiert wurden. Man bedenke, wie viele Bauarbeiter beschäftigt waren, wieviele Handwerker, Diener, Gärtner, Tierpfleger, Soldaten, Kutscher etc. allein für den normalen Unterhalt des Schlosses bezahlt werden mussten. Wie viele Tonnen Feuerholz und Kohle haben das Schloss beheizt, wie viele Viehherden sind auf der kaiserlichen Tafel gelandet? Und Schönbrunn ist nicht der einzige Palast. In Wien steht noch die unglaubliche Hofburg, oder das Schloss Belvedere, sowie viele größere und kleinere Paläste und Palazzos. Und das ist nur Wien. Österreich-Ungarn war von Jagd- und Residenzschlössern aller Adligen gespickt. All dies wurde finanziert, während gleichzeitig eine Armee, ein Staat mit einem kompletten Beamtenapparat, diverse Institutionen und auch Wohltätigkeiten unterhalten wurden.

Ich finde Schönbrunn nicht annähernd so schlimm wie das Drehkreuz in meinem Schwimmbad. Als dieser und weitere Paläste gebaut wurden, war die Staatskasse der persönliche Besitz der Kaiser. Schulden waren die Schulden des Kaisers, Überschüsse waren die Überschüsse des Kaisers. Die unglaublichen Paläste Wiens (und vieler anderer Staaten) sind eine direkte Funktion der wirtschaftlichen Stärke der jeweiligen Staaten. Natürlich bin ich kein Freund der Monarchie an sich, dass Geld wäre sinnvoller in der Wirtschaft angelegt, sicherlich. Die Donaumonarchie hat es aber geschafft solche Monumente in die Welt zu stellen und dabei eine Haushaltssolidität vorzulegen, die kein moderner Staat im Westen auch nur ansatzweise vorweisen kann. In einer Welt in der Staatsschuldenkrisen einander jagen, die Wirtschaft der halben EU auf der Kippe steht, Sparmaßnahmen mit einer schlichten Absichtserklärung als erledigt angesehen werden, in dieser Welt baut mein defizitäres Kommunalschwimmbad ein Drehkreuz. Und das regt mich auf!

Gerechte Steuern, oder wie ein deutsches Schlachtschiff im Krankenhaus landete

In unserem Land wird regelmäßig und viel von Steuergerechtigkeit gesprochen. Damit meinen manche ein wenig Steuersenkung, manche meinen ein wenig höhere Steuern für die Reichen, manche wollen die kalte Progression abschaffen. Jeder meint etwas anderes. Tatsächlich sind all diese Vorschläge weit davon entfernt Steuergerechtigkeit herstellen zu können, denn das moderne Steuersystem, dass sich im 20. Jahrhundert über die ganze Welt verbreitet hat, ist so fundamental problematisch, dass wir innerhalb eben dieser engen Grenzen kaum wirklich etwas gerechter machen können. Es lohnt sich deshalb einen Blick in die Vergangenheit zu werfen um zu sehen, wie eine der gerechtesten Steuern in Deutschland zu einer der ungerechtesten wurde und wie ein deutsches Kriegsschiff dabei im Krankenhaus endete:

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Diese, etwas abgeschnittene, Karte zeigt die deutschen Kolonien zur Zeit des Kaiserreichs. Sie konnten nicht mit den Kolonien der Briten oder Franzosen mithalten, aber sie waren beachtlich. Das Problem an den Kolonien war allerdings, dass die Handelsrouten von und zu den Kolonien im Kriegsfall kaum zu verteidigen waren. Dem Kaiserreich fehlte nämlich eine schlagkräftige Hochseeflotte. Bisher hatte man lediglich eine kleine Marine zur Küstenverteidigung in Nord- und Ostsee betrieben. 1898 begann man deswegen den Bau einer Hochseeflotte unter dem Kommando des Admirals Tirpitz, die allein 55 größere Schlachtschiffe und Kreuzer beinhalten sollte.

Diese Entscheidung spaltete die Deutschen in zwei (nicht unbedingt gleich große) Teile. Auf der einen Seite waren die Adligen und die Großunternehmer. Beide Gruppen waren begeistert von der Flotte. Die Unternehmer freuten sich auf staatliche Aufträge für den Bau und die Versorgung der Flotte. Die Adligen freuten sich auf neue Posten als Admiräle und Kapitäne, denn auch wenn die kaiserliche Armee eine Meritokratie war, so wurden doch die Söhne der großen Familien schon von klein an auf ihre Offizierslaufbahnen vorbereitet und endeten so in den höchsten Positionen. Auch höhere Investitionen in die Kolonien, mit vielen neuen Posten waren nun absehbar. Auf der anderen Seite standen (nicht einheitlich) die „unteren Klassen“. Sicherlich waren viele von ihnen auch vom Prestige einer solchen Flotte begeistert, aber es gab zwei Probleme: Die Flotte sollte eine „Risikoflotte“ für die anderen Großmächte darstellen. Also keine Flotte, die überlegen war (das wäre erst in vielen Jahrzehnten möglich), sondern eine die abschreckend wirkte. Was wenn die Flotte eben keine Abschreckung, sondern ein Kriegsgrund sein würde? Dann würden nicht die Unternehmer und Adligen an der Front sterben, dass wäre dann die Aufgabe der unteren Klassen. Außerdem kostete so eine Flotte viel Geld. Für die da oben war es ja kein Problem ein paar Prozent mehr abzudrücken, aber eine Arbeiterfamilie mit vielen Kindern, konnte damals durch auch kleine Erhöhungen in große Schwierigkeiten kommen.

Diese Bedenken hätte man in früheren Zeiten wohl einfach vom Tisch gefegt. Aber seit 1890 war die SPD bereits die stärkste Partei im Reich, die Angst vor anarchistischen, bzw. vor allem vor sozialistischen Aufständen war enorm. Nun war die Flotte aber dringend notwendig, also was tun? Die Lösung des Problems ist eine Sternstunde der deutschen Innenpolitik: Die Sektsteuer. Warum bin ich so begeistert von der Sektsteuer? Nun, gehen wir das Punkt für Punkt durch:

– Die Sektsteuer ist eine Steuer mit einem ausdrücklichen Zweck. Sie dient dem Aufbau und Unterhalt der kaiserlichen Kriegsmarine. Diese wiederum ist Teil der nationalen Verteidigung. Nationale Verteidigung ist eine Kernaufgabe der Regierung, doe auch die hartgesottensten Liberalen und Libertären als notwendig anerkennen müssen und die Finanzen müssen irgendwo her kommen. Man kann natürlich über das Ausmaß der Flotte streiten, aber dass ein Staat mit Meereszugang zumindest eine Flotte benötigt, ist meiner Meinung unumstößlich. Und ein Staat mit überseeischen Besitzungen braucht eine Hochseeflotte. Der Grund ist also schon mal ein gerechter. Aber viel wichtiger ist, dass dem Volk klar gemacht wird: Das brauchen wir und so werden wir es bezahlen. Und wenn aus irgendwelchen Gründen die Flotte nicht mehr gebraucht wird, dann fällt auch die Sektsteuer weg. Was glauben Sie wie viele Amerikaner hätten den Irakkrieg 2003 unterstützt, wenn George Bush dafür eine explizite Steuer hätte erheben müssen. Wie viele Menschen hätten Angela Merkel 2013 gewählt, wenn man für die Finanzierung der Südstaaten einen Aufschlag auf Bier erhoben hätte?

– Zweitens ist die Steuer sozial sehr gerecht. Heute kann man für ein paar Euro Sekt an der Tankstelle kaufen. Damals war Sekt ein Privileg der Reicheren. Zu einer Zeit als der durchschnittliche Fabrikarbeiter rund 60 Reichsmark im Monat verdiente, kostete eine Flasche Champagner 2,50 Reichsmark. Die Sektsteuer schlug eine halbe Reichsmark auf, der Preis von ungefähr drei Brotlaiben. Jeder der sich den Sekt nicht für 3 RM leisten konnte, der konnte sich ihn auch nicht für 2,50 leisten. Und sollte nun wirklich ein kleiner Prozentsatz übrig geblieben sein, dem der Sekt genommen wurde, der konnte ja immer noch auf billigere Marken umsteigen. 2,50 ist ja nur der Durchschnittspreis. Nicht nur traf diese Luxussteuer nur die Reicheren Klassen, sie traf damit auch genau die Bevölkerungsschichten, die nahezu einhellig für den Bau der Flotte eintraten.

– Für mich am wichtigsten ist, dass die Steuer eine Verkaufssteuer war. Wir haben uns so an die Einkommenssteuer gewöhnt, dass wir gar nicht merken, wie problematisch und ungerecht sie ist. In einer Einkommenssteuer, selbst wenn sie zu Anfang einheitlich erhoben wird (z.B. 25% für jeden), können die Einkommensschwächeren durch ihre große Masse bei jeder Wahl eine Staffelung nach Einkommen durchsetzen, wie wir sie mit den verschiedenen Steuerklassen heutzutage kennen. Ist dies erstmal geschehen, verliert vor allem die Mittelschicht, die weder große Wählermassen mobilisieren kann, noch Geld für Lobbying oder findige Steuerberater hat, effektiv das Mitspracherecht bei ihren Steuersätzen. Außerdem kann die Regierung gewünschtes Verhalten beeinflussen, wenn nicht sogar steuern. Steuererleichterungen für Ehepaare zum Beispiel. Oder durch die Möglichkeit Spenden von der Steuer abzusetzen. Wer gerne spenden würde, aber auf die Steuererleichterung angewiesen ist, der muss dem Staat exakt mitteilen wem er was wann gespendet hat. Das verringert die Bereitschaft an politisch inkorrekte Gruppen oder Oppositionsparteien zu spenden. Wer glaubt das sei dunkle Dystopie, der sei auf die amerikanische IRS verwiesen, also die Bundessteuerbehörde, die im Auftrag der Regierung Rückzahlungen aufgeschoben und Einsprüche absichtlich verschleppt hat, wenn die jeweiligen Bürger zum Beispiel Mitglieder der konservativen Tea Party waren. Und dazu kommt noch die unglaubliche Fülle von teilweise sehr privater Information, die dem Staat beim Ausfüllen der Steuererklärung mitgeteilt werden muss. Eine Verkaufssteuer, wie zum Beispiel die Mehrwertssteuer ist nicht nur für jeden gleich, sie kann auch Verhalten wenn überhaupt, dann nur minimal lenken (zum Beispiel durch höhere Steuern auf Luxusgüter). Sie benötigt keine Informationen über Privatpersonen und kann nicht zur gezielten Bekämpfung einzelner Gruppen genutzt werden. Alles was der Staat wissen und durch Stichproben bei Firmen kontrollieren muss, ist wie viel von welchen Waren zu welchem Preis verkauft wurden. Und niemand kann Teile der Bevölkerung gegeneinander ausspielen um Steuern zu erhöhen, denn eine Erhöhung von Verkaufssteuern trifft gerade die wählerstarken Klassen härter als die Reichen.

 

Leider endet die Geschichte der Sektsteuer hier nicht. Ich sagte ja schon zu Anfang, dass sie eine der ungerechtesten aller Steuern wurde und wir müssen auch noch klären, wie ein deutsches Kriegsschiff im Krankenhaus landete: Die Deutsche Hochseeflotte war ein Fehlschlag. Sie kämpfte nur in einer wirklichen Schlacht, der Skagerrakschlacht und die ging zwar für die Deutschen aus, war aber ein strategisches Unentschieden. Als sie dann zum Ende noch einmal auslaufen sollte, revoltierten die Matrosen und dies läutete das Ende des Kaiserreichs ein. Die Flotte wurde Kriegsbeute und musste in den britischen Hafen Scapa Flow einlaufen. Admiral Ludwig Reuter, der das Kommando für diese letzte Fahrt der Flotte hatte, gab schließlich das geheime Kommando „Paragraph 11“ und die Flotte versenkte sich selbst, anstatt den Briten in die Hände zu fallen. Die Deutschen hatten den Krieg verloren und der Versailler Vertrag beschränkte die Flotte auf 12 Kreuzer, 12 Zerstörer und 12 Torpedoboote. Natürlich verlor Deutschland auch alle seine Kolonien. Also war die Steuer hinfällig und wurde abgeschafft. Falsch! Die Steuer wurde beibehalten, mit einer minimalen Änderung: Man strich die Gesetzespassage, die die Steuer an die Hochseeflotte band. Augerechnet Hitler schaffte die Steuer 1933 ab, nur um sie 1939 wieder einzuführen um die deutsche Ubootflotte auszubauen. Nach dem 2. Weltkrieg behielten die BRD und die DDR beide die Sektsteuer und auch im wiedervereinigten Deutschland zahlen wir sie weiter. Laut Wikipedia hat der Staat allein 2011 470 Millionen Euro eingenommen. Nicht nur, dass die Steuer nun grundlos erhoben wird, sie trifft nun, da Sekt, zumindest billiger Sekt, für alle Bevölkerungsschichten bezahlbar ist, selbst noch Hartz-IV-Empfänger, die sich mal was zum Geburtstag gönnen wollen, oder das Taschengeld 16-Jähriger Mädchen. Es mag größere Ungerechtigkeiten in Deutschland geben, aber diese Steuer muss einfach weg.

 

Achja und was war mit dem deutschen Kriegsschiff im Krankenhaus? Nun, jedes Stück Stahl, dass nach dem Juli 1945 irgendwo auf der Welt hergestellt wurde, enthält minimale Spuren radioaktiven Staubes, der durch die Vielzahl der Nuklearexplosionen seitdem entsteht. Wenn man Geräte bauen will, die Radioaktivität messen sollen, so muss das Material dafür aber so strahlungsarm wie nur irgendwie möglich sein. Die deutsche Hochseeflotte auf dem Meeresboden vor Scapa Flow, ist durch das Meerwasser aber von all dieser Strahlung verschont geblieben und bis 2002 bargen private Unternehmen tonnenweise deutschen Kriegsschiffstahl für eben diesen Zweck. Zum Beispiel wurden einige Ganzkörperzähler, also extrem sensible Geräte, die Strahlung im menschlichen Körper messen auf manchmal aus diesem Material gebaut.

Ganzkörperzähler

Ganzkörperzähler

Ich denke, dass dies genug Grund sein müsste, nicht mehr für die Kriegsmarine zu zahlen. Die Geschichte der Sektsteuer allerdings, ist ein guter Grund mal ganz grundsätzlich über die Bedeutung des Begriffes „Steuergerechtigkeit“ nachzudenken.