Heult leise – Ein Plädoyer für RB Leipzig

Wenn man mich nach meiner fußballerischen Loyalität fragt, dann sage ich normalerweise, dass ich wider besseren Wissens Fan des 1. FC Saarbrücken bin. Ein Verein, der eigentlich nur alibimäßig Fußball spielt, damit im Vorstand die Unmengen abgewählter und aussortierter Politiker noch bis zur Pension etwas zu tun kriegen. Auf Platz 2, und nach einem Auslandsjahr eigentlich mindestens auf Platz 1,5, liegt für mich Arsenal London. Doch seit dieser Woche schiebt sich da ein neuer Verein auf meinen Platz 3, mit guten Chancen weiter hoch zu kommen und zwar RB Leipzig. Zugegeben, ich habe noch kein einziges Spiel des laufenden Werbeträgers gesehen, es geht hier ein wenig ums Prinzip.

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Was war das Gejammer auf Facebook groß als am vergangenen Wochende Rasenballsport Leipzig erstmals in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. Überall schrien die Fans der „Traditionsvereine“ umher, dass hiermit die Kommerzialisierung des deutschen Fußballs den Siedepunkt überschritten habe. Der Untergang der deutschen Fan-Kultur, der Untergang des Leistungsgedankens, der Untergang des Fußballs ganz allgemein. Dabei beschwerten sich ironischerweise auch Fans von Borussia Dortmund, immerhin ein Verein mit Millionengewinnen durch seine (S)Dax-notierte Tochter-GmbH, oder von den hunderprozentigen Konzerntöchtern Wolfsburg und Leverkusen, nicht zuletzt sogar die guten alten Fans der Geldmaschine Bayern München. Auch schaute man wehmütig nach England, wo gerade der Underdog Leicester City sensationell die Meisterschaft holte. Ja, das ist noch Fußball da drüben. Leicester City gehört übrigens seit 2010 dem thailändischen Milliardär Vichai Srivaddhanaprabha, der einiges an Geld in den Verein gepumpt hat.

Ja, so ganz konsequent ist niemand beim RB-Bashing. Wenn man die Kommerzialisierung des deutschen Fußballs so schrecklich findet, dann sollte man sich schleunigst Richtung Liga 3 und abwärts begeben um noch wirklich reinen Vereinssport zu finden. Selbst dort immer weniger. Der Spiegel hat im vergangenen Jahr aufgelistet, dass in der Bundesliga nur noch Stuttgart, Schalke, Mainz und Darmstadt eingetragene Vereine sind. Der Rest ist auf die eine oder andere Art gewinnorientiert. Und warum eigentlich nicht? Was genau macht denn die Gewinnorientierung mit einem Verein, genauer gesagt, was macht den Verein damit schlechter? Schließlich ist einem e.V. das finanzielle auch nicht egal, auch die müssen bezahlen. Und wie kriegt ein eine GmbH oder eine AG Geld durch Fußball spielen? Nur in dem sie gut spielt und gewinnt, damit die Sponsoren zahlen. Wie erfüllt ein „Werksverein“ wie RB Leipzig  seine Funktion als Werbeträger und Investition? Indem er gut spielt und gewinnt. Was muss ein eingetragener Verein machen? Gut spielen und gewinnen.

Aber ja, ich höre schon die Zwischenrufe, denn natürlich macht es einen Unterschied ob man durch unternehmerische Geldspritzen und damit durch Transfers einen Vorteil „erkauft“. Das stimmt, aber auch nur zu einem gewissen Grad. Es ist sicherlich eine ziemlich sichere Strategie für den Durchmarsch durch untere Ligen, denn man kann auch Spieler locken, die nie so tief spielen würden, aber genau wissen, dass man sicher aufsteigt. Aber auch das war bei RB Leipzig nicht hundertprozentig garantiert. Für die Regionalliga Nord und die 2. Liga brauchte man immerhin zwei Anläufe. Nun ist RB Leipzig in der ersten Liga angekommen und der Unterschied den man sich erkaufen kann, insbesondere in Konkurrenz mit anderen (nicht gerade armen) Top-Clubs der Liga, wird der Unterschied, den ein eingekaufter Spieler machen kann, deutlich geringer.

Aber Geld alleine macht auch nicht erfolgreich. Schaut man sich die Tabelle der Transferausgaben an und vergleicht sie mit der aktuellen Bundesligatabelle, dann ist Geld nicht egal, aber bei weitem kein Garant. Auf den ersten Blick scheint Geld wichtig zu sein. Bayern hat am meisten ausgegeben und ist Meister, Bayer Leverkusen am drittmeisten und ist Dritter, Gladbach am viertmeisten und ist Vierter. Aber daraus ist ganz offensichtlich kein Gesetz ableitbar. Die zweithöchsten Ausgaben hatte Wolfsburg, was dem Verein Platz 8 bringt; Schlusslicht Hannover hat mit knapp 19 Millionen immerhin Platz 10 der Ausgaben; Mainz auf Platz 5 hat ausgabentechnisch Platz nur Platz 14; einen Platz vor Werder Bremen, die sportlich auf Platz 16 stehen; Hertha hat aus Ausgabenplatz 17 den Tabellenplatz 6 gemacht; und auch das bis vor kurzem noch als so kommerziell gescholtene Hoffenheim machte aus den sechsthöchsten Transferausgaben nur Platz 14.

Ich weiß, ich weiß, es geht nicht nur ums Geld. Wie mich der Aufkleber am Red Bull Kühlschrank des Händlers meines Vertrauens immer wieder erinnert: Mit dem Kauf einer Dose Red Bull zerstören Sie deutsche Fußballkultur. Es geht den Fans um mehr als nur das Geld und auch um mehr als nur das Spielerische an sich. Was sie stört ist die Retortengeburt eines Vereins, der keine Tradition hat, anders als zum Beispiel Schalke oder selbst finanziell aufgepumpte Vereine wie Hoffenheim, die aber wenigstens seit 1899 im Geschäft sind. Das mag alles sein, aber wenn einem ein Verein nicht gefällt weil er keine Tradition hat, dann wird man halt kein Fan oder kein Mitglied von ihm. Ich sehe das Problem nicht. Ob ein Verein in der Bundesliga ist und ob er da sein darf, das entscheidet das Lizenzverfahren und die sportliche Leistung. Und die DFL hat es RB Leipzig dabei auch nie leicht gemacht.

Man soll mich nicht falsch verstehen, ich mag Vereine mit Tradition, ich mag Tradition ganz allgemein, aber nirgendwo ist das so irrelevant wie beim Sport an sich. Nein, das Traditionsargument ist ein Argument dagegen ein Fan zu werden, nicht gegen den Verein oder seine Legitimität. Alle Vereine waren mal neu, alle Traditionen haben sich erstmal entwickeln müssen (zum Beispiel die des 1. FC Saarbrücken permanent seine Fans zu enttäuschen). Tradition und sportliche Leistung sind getrennt. Der älteste Verein der Welt, der FC Sheffield, spielt achte englische Liga. Deutschlands älteste Kicker, BFC Germania 1888, spielen in Kreisliga B. Beide haben sicher eine tolle Tradition. Aber auch ein traditionsloser Retortenverein muss den Ball erstmal ins Tor kriegen, auch er darf nur 11 Spieler auf den Platz stellen, auch er kriegt nur 3 Punkte wenn er gewinnt. Wenn ich also Fan einer Mannschaft werden will, weil die Fankurve die geilsten Fans hat, dann gehe ich frühestens in ein paar Jahrzehnten zu RB Leipzig. Wenn ich Fan einer Mannschaft werden will, weil die richtig geilen Fußball spielt, dann vielleicht schon zur nächsten Saison.

Und die Anzeichen sind vielversprechend. Red Bull hat schon einen Mann aus dem Weltall auf die Erde geschmissen, ermöglicht bekloppten Leuten sich in den waghalsigsten Extremsportarten zu versuchen und neue Geräte dafür zu erfinden und und und. Bei RB Leipzig treffen Dauerkartenblock und „nur“ Fußballfans aufeinander. Wenn die Traditionalisten der Meinung sind, dass es der Verein nicht verdient hat in die erste Liga aufzusteigen, nun dann schaut, dass eure Jungs denen in den Arsch treten, deren Tor ist genauso breit wie alle anderen. Wenn es den anderen Vereinen nicht gelingt, dann hat RB Leipzig in jeder Hinsicht verdient dabei zu bleiben. Wie toll man deren Fankurve findet, ist völlig egal. Also, schon einmal im Voraus, wenn RB Leipzig dann schließlich Meister wird: Heult leise!

 

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2 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben. Und als Fan eines Traditionsvereins – ja, dieses Genörgel bezüglich RBL geht auch mir langsam aber sicher auf die Nerven. Die meisten, selbsternannten „Retter des Fußballs“ sind Anhänger von abgeschmierten Vereinen, die ihre letzten Erfolge kurz nach den Kreuzzügen bejubeln durften. Wahrscheinlich nur Sozialneid, gepaart mit Frust und Enttäuschung. Not my kind of business.

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