Monat: Mai 2016

Seht da ist der Mensch – Der edle Wilde wird zum Heiligen

Es ist mal wieder Katholikentag, pünktlich zu Fronleichnam, wahrscheinlich dem katholischsten aller katholischen Feiertage. Beides wäre eine willkommene Gelegenheit für die katholische Kirche für sich und den Glauben zu werben, angesichts von über 200.000 Kirchenaustritten allein 2014 wäre das auch mehr als nötig. Doch wie schon zu vergangenen Katholikentagen, und noch in größerem Ausmaß bei den evangelischen Kirchentagen, handelt es sich um eine reine Politikveranstaltung die, wenn sie nicht in den entsprechenden Kostümen, in und um Kirchen und mit dem ein oder anderen Kreuz versehen stattfinden würde, wohl kaum als ein religiöses Ereignis wahrgenommen werden würde. „Der Mensch steht im Mittelpunkt. Wie wollen wir Menschen jetzt und in Zukunft miteinander leben? Wie begegnen wir als Christen den drängenden Fragen der Gegenwart? Fragen wie diese wollen wir gemeinsam mit Ihnen diskutieren.“ Heißt es auf der Internetseite des Katholikentages. Geht es auch noch ein Stück allgemeiner? Geht es noch ein bisschen mehr nach Wohlfühlseminar klingend?

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Schon das Motto des Katholikentages ist ein wenig überraschend. „Seht da ist der Mensch“ lautet es und es stammt aus dem Johannes-Evangelium 19 Vers 5. Es geht dabei um eine äußerst wichtige Szene. Jesus ist eben erst Pilatus vorgeführt worden, der ihn verhört hat, wobei sich Jesus selbst als König bekannt hat, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Pilatus fragt die Juden ob er Jesus frei lassen soll, entsprechend des Brauches zum Passah-Fest je einen Gefangenen frei zu lassen, doch die Menge will Barnabas, einen Mörder. Daraufhin beginnt das Martyrium Jesu. Er wird gegeißelt und geschlagen, er erhält seine Dornenkrone und einen Purpurmantel und die Soldaten verspotten ihn als den König der Juden. Pilatus führt den gepeinigten auf den Balkon zur großen Menge um zu zeigen, dass er selbst ihn nicht für schuldig hält und spricht „Seht da ist der Mensch“. Als Ecce Homo ist dieser Satz in die Geschichte eingegangen.

Über die Interpretation dieses Satzes prügeln sich die Gelehrten, wie bei so vielem aus der Bibel, seit Jahrhunderten. Stellt er Jesus als die Personifikation des menschlichen Leidens dar? Soll er Jesus‘ menschliche Seite betonen? Soll er sagen, dass Jesus ein Mensch ist, vielleicht sogar „nur“ ein Mensch? Oder ist er schlichtweg die unumwundene Aussage des Pilatus, dass hier ein Mensch steht, entweder um Mitleid zu erregen oder um klar zu stellen, dass es sich hier nicht um den König der Juden handelt? Ich bin kein Theologe, ich bin nur Christ und dann noch nicht einmal katholisch, also schaue ich mal auf die offizielle Seite des Katholikentages und klicke dort auf’s Leitwort. „Wenn Pontius Pilatus auf den gefolterten und verspotteten Jesus zeigte und sprach: „Seht, da ist der Mensch“, dann zeigte er damit auch auf all jene Menschen, die hängen gelassen wurden, draußen vor den Toren der Stadt, ausgegrenzt, am Ende.“ Aha, das ist der Kern des Katholikentages, ein durchaus ehrenwerter. Um die Schwachen soll es gehen. Doch was die katholische (und evangelische) Kirche derzeit daraus macht ist mehr als besorgniserregend.

Kardinal Woelki zelebriert den Fronleichnamsgottesdienst in Köln auf einem zum Altar umfunktionierten Flüchtlingsboot. Papst Franziskus, der Hippie mit dem Fischerring, lobt die Wahl des neuen muslimischen Bürgermeisters von London, fordert zur Lösung der niedrigen christlichen Geburtenrate eine muslimische Massenzuwanderung und zitiert ernsthaft den Libanon als Beispiel des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen.  Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Thomas Sternberg (CDU), wird vom Cicero mit dem Satz zitiert: „Man muss sich davor hüten, es als typisch islamisch darzustellen, wenn Christen in mehrheitlich von Muslimen bewohnten Flüchtlingsheimen bedrängt werden.“
Was aus diesen Worten spricht, das ist, vielleicht überraschend, eine tiefe Verachtung gegenüber den Muslimen und dem Islam, ja genau genommen allem fremden allgemein. Die Christen suchen den Schwachen, den niedrigsten Nächsten, dem sie ihre Hilfe angedeihen lassen können um so ihre Pflicht zu erfüllen. Sie finden ihn eben nicht im Flüchtling, das wäre ja noch sehr gut nachvollziehbar, sie finden ihn im Moslem. Es ist die alte Geschichte vom edlen Wilden, vom armen, schwachen Moslem, die diesen schon seit kurz nach Wien 1683 zum harmlosen und vor allem schwachen Exoten machten. Im Denken der Gutmenschen, ein Wort das hier perfekt zutrifft, ist „der Moslem“ wie ein Kind, nicht fähig sich selbst zu helfen, für sich selbst zu sprechen und schon gar nicht fähig etwas Falsches oder Böses zu tun, denn es sind immer die äußeren Umstände, vor allem der Westen, die ihn dazu führen. Wie ein Blatt im Wind, ohne eigene Handlungsmacht, ist er des ständigen Schutzes und der Fürsprache seiner großen, christlichen Brüder und Schwestern bedürftig. Hegel rotiert im Grab.
Dabei entspringt diese Sicht nicht etwa aus einer objektiven Analyse der Situation aller Menschen auf der Welt, sondern auf einer rein politischen, aus der linken Ecke kommenden, fiktiven Pyramide der Unterdrückung. Frauen sind mehr unterdrückt als Männer, aber eine weiße Frau weniger als ein schwarzer Mann. Eine schwarze Lesbe hat es schwieriger als ein schwuler Jude, etc. etc. Je nach dem wie man es sieht hat es der Islam, zumindest ursprünglich nicht aus Eigenitiative, ganz nach oben bzw. unten gebracht und gilt als die große unterdrückte Gruppe der heutigen Zeit, gleichsam die schutzbedürftigste. Nur mit dieser Pyramide im Hinterkopf erklärt sich, warum die Kirchen sich ganz explizit nicht um die verfolgten Christen unter den Flüchtlingen kümmern, warum Papst Franziskus aus seinem „Frontbesuch“ in Griechenland nur muslimische Flüchtlinge mit in den Vatikan brachte, warum von allen Parteien ausgerechnet die AfD ausgeladen wurde, der Zentralrat der Muslime aber kommen durfte und warum man auch dem niemals geflüchteten und hoch privilegierten Sadiq Khan zu seiner Wahl zum Londoner Bürgermeister jubelnd gratuliert.

Und so hat sich die katholische Kirche, nur auf Grund des Feier- und Katholikentages derzeit prominenter als die evangelische, ihr neues goldenes Kalb geschaffen. Seht da ist der Mensch, der arme, der leidende, der schwächste der schwachen Menschen. Es soll uns auf Ewig Aufgabe sein ihm zu dienen. Das Christentum ist schon lange, dafür hat der „Schock“ der Aufklärung gesorgt, eine Religion geworden, der jenseits der karitativen Arbeiten, die eigentliche Verankerung im Diesseits fehlt. Würde sie ihren Auftrag ernst nehmen, so müsste sie gerade jetzt in eine Missionierungsoffensive gehen, müsste schon seit Jahrzehnten gegen den Zeitgeist wettern, und das nicht nur in gelegentlichen Wortmeldungen alternder Kardinäle, für die man sich sofort entschuldigt. Aber das bedeutet einerseits die Gefahr die bequemen gemachten Betten der Kirchensteuer zu riskieren, andererseits würde es auch vom einfachen Gläubigen verlangen ab und zu den Zorn Gottes, in Form seiner Diener, zu hören. Letzteres ist unangenehm und unpopulär. Sich aber um die Armen und Schwachen zu kümmern, das steht (unter anderem) in der Bibel und was kann besser und populärer sein. Wie das Amen in der Kirche, so muss der einfache Gläubige auch nur zustimmen oder nicht widersprechen um sich als Teil dieser Großzügigkeit zu fühlen, die mit seinen Kirchensteuern, Spenden und nochmal Steuern (über staatliche Aufträge), finanziert wird. Am Ende tanzt man glücklich und selbstzufrieden um den neuen Heiligen, den edlen Wilden. „Seht da ist der Mensch,“ ruft man und vergisst, dass dieser Mensch, dieser spezielle Mensch von dem eigentlich gesprochen wurde nicht nur Mensch, sondern auch Gott ist. Genau das macht das Ecce Homo von Pilatus so wichtig. Pilatus verkennt die Gottheit Jesu‘, er sieht nur den Menschen. Genau so sieht man hier nur was man sehen will. Nur ein Stück des göttlichen Auftrags an seine Kirchen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert und mit ganz menschlicher Politik umgedeutet. Am Ende bleibt ein milliardenschweres Wohlfühlprogramm, in dem nichts mehr zwingend aus dem Christentum hervor geht, das dem gefühlten Volksempfinden hinterher rennt. Heute für die muslimischen Flüchtlinge, morgen für wer weiß was.

 

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Sieben gute Gründe warum wir die EU brauchen (WIDERLEGT)

Die Welt hat einen Artikel veröffentlicht, in dem sie 7 gute Gründe auflistet warum die Deutschen die EU brauchen. Das alles geschieht im Rahmen einer nie dagewesenen Skepsiswelle auf dem ganzen Kontinent. Schon im Einführungsvideo und -text lernen wir, dass es zwar kaum Mehrheiten, aber sehr sehr große Minderheiten in fast allen Ländern gibt, die einen EU-Austritt befürworten. In Deutschland zum Beispiel jeder Dritte, in Frankreich gar 48%. In solchen Situationen muss man also die EU von ihrer besten Seite zeigen, man muss sie den Skeptikern schmackhaft machen und ihre populistischen Argumente schlagkräftig entkräften. Deshalb frage ich mich schon, warum die Welt es nur hinkriegt diese 7 Lächerlichkeiten aufzulisten…

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1.Gefahr der Rückkehr zum Nationalen Wahn
„Der Kompromiss, manchmal auch der faule, ist an die Stelle der Kanonenkugel getreten.“ Mit dem Satz lässt sich wohl das Argument der Welt am besten zusammenfassen. Ein Stück lächerlicher wird es nur noch, als es heißt, dass die ehemaligen jugoslawischen Staaten nur befriedet werden konnten, weil sie ja eine friedliche Perspektive, die EU hatten.
Dümmer geht’s nimmer. Und unehrlicher wohl auch kaum. Natürlich gab es in Europa jahrhundertelang Krieg, da geb ich dem Artikel recht, nur wann und warum gibt es den heute nicht mehr? Denn den letzten großen Krieg innerhalb Europas gab es 1939-45. Danach folgte der Kalte Krieg, in dessen zwei Blöcken jeweils Krieg nicht wirklich möglich war. Zugleich waren nationale Grenzen, der Hauptkriegsgrund der vergangenen 150 Jahre, durch Vertreibung und Flucht und schließlich durch den Zerfall der Sowjetunion, entlang der Volksgrenzen gezogen worden.
Nach drei Generationen, die keinen Kriegsgrund mit ihren Nachbarn jemals kannten und der allgemeinen Ächtung des Kriegsgedankens nach den Weltkriegen und der Atombombe, hatte sich ein radikaler Sinneswandel in Europa eingestellt.
Die EU kam später, sie ist exakt zwei Jahre jünger als ich (der Maastricht Vertrag wurde an meinem 2. Geburtstag, 1992, unterzeichnet) und meine ersten zwei Lebensjahre waren nicht gerade von Krieg und Chaos geprägt. Nein wie so oft verwechselt man hier Ursache und Wirkung, oder glauben die in der Welt-Redaktion oder in Brüssel echt, dass sich abgrundtief hassende Nationen, die nur auf den richtigen Moment zur Invasion warten, zur EU zusammenschließen würden? Es ist der europäische Friede, der solche Projekte erst möglich machte.
Und noch zwei kleine Punkte: Als der Jugoslawienkrieg ausbrach stand die EU ziemlich bedröppelt da und war auf die USA angewiesen, die, mit Bomben und Raketen, Frieden durch überlegene Feuerkraft herstellten. Auch hier war es erst der Friede, der den Gedanken an die EU überhaupt möglich machte, nicht umgekehrt. Und wer wirklich Angst vor nationalem Wahn hat, der sollte vielleicht kein System unterstützen, in dem Chaos-Kanzler wie Merkel mit ein paar Worten die ganzen anderen Mitgliedsstaaten mit in den Abgrund reißen können.

2.Bürger hätten weniger Geld in der Tasche
An sich ein gutes Argument, nur für eine völlig andere Diskussion. Der Anlass ist ja der mögliche Brexit. Die Briten haben schonmal, 1975, abgestimmt und waren damals mehrheitlich dafür am europäischen Projekt teilzunehmen. Es ging damals um die Teilnahme am gemeinsamen Markt und dafür ist das Geld in der Tasche ein gutes Argument. Nicht aber für die EU. Die EU ist die politische Union Europas, es gibt keinen vernünftigen Grund warum sie mehr oder weniger Geld in den Taschen der Europäer lassen sollte, ein politisches Gebilde an sich ist erstmal wirtschaftlich neutral, es kann gute oder schlechte Regierung leisten.
Der gemeinsame Markt ist jedoch etwas anderes. Freihandelszonen sind der Wirtschaft und damit ganz direkt dem einfachen Bürger sehr zuträglich. Es gibt wohl kaum irgendeine Stimme innerhalb Europas, die ernsthaft der Meinung ist, dass uns strenge Zollgrenzen und möglichst unterschiedliche Standards irgendwie helfen. Nur gab es die EWG und EG schon einige Zeit vor der EU und es ist nur letztere, die den Zorn der Völker auf sich zieht. Man fühlt sich von einer abgehobenen, bürokratischen Oberschicht in Brüssel regiert, eben nicht nur in Sachen Handelsstandards oder gemeinsame Außenzölle, sondern eben auch im Alltagsleben, wenn zum Beispiel die Vorratsdatenspeicherung, nach ihrer Ablehnung in Deutschland, zur europäischen Hintertür wieder rein kommt. Wir brauchen keine EU für einen gemeinsamen Markt.

3.Einzelstaaten hätten viel schlechtere Verhandlungspositionen
Jein. Manche in der EU hätten eine schlechtere Verhandlungsposition, zum Beispiel Malta. Nur werden hier zwei Dinge geflissentlich übersehen: Erstens, man kann sich auch außerhalb der EU zu Zweckbündnissen zusammenschließen. Niemand hindert kleine Länder daran, oder große, dies zu tun. Handelsverträge, Militärbündnisse, oder gar gemeinsame Währungen, lassen sich ohne Probleme in Form von bi- und multilateralen Verträgen schließen. Als Beispiel können hier die kleinen Benelux-Staaten dienen, deren frühe Kooperation zum Vorbild für weitere gesamteuropäische Projekte wurde.
Zweitens wird gut und gerne vergessen, dass ein Großprojekt wie die EU auch einzelne Staaten dazu zwingt an Verträgen und Handlungen teilzunehmen, die ihnen keine Vorteile bringen. Zum Beispiel leiden viele osteuropäische Staaten unter den Sanktionen gegen Russland, etwas was viele westliche Staaten mit deutlich weniger Problemen beschließen konnten, da ihre Wirtschaft nicht so sehr in diese Richtung ausgerichtet ist.
Umgekehrt ist es Mitgliedsstaaten nicht oder nur sehr schwer möglich eigenständige Handelsverträge zu schließen, die auf die Besonderheiten der jeweiligen Wirtschaften hinarbeitet. Die britische Brexit-Kampagne wirbt offensiv mit der Möglichkeit sinnvolle Verträge mit den aufstrebenden Märkten Asiens eröffnen zu können, die derzeit nicht so geschlossen werden können.
Nein, auch die Verhandlungsposition des kleinen Maltas oder anderer Zwergstaaten wird nur optisch gestärkt. Tatsächlich werden die Verhandlungspositionen aller Mitgliedsländer verrührt, verdünnt und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert der Welt präsentiert. Danke EU!

4.Ohne Euro sinkt die Reformbereitschaft
Ja, ja, der Euro. Sollte man den wirklich in die Liste der pro-EU Argumente bringen? Ich weiß ja nicht. Ich weiß als Grenzgänger die gemeinsame Währung an sich sehr zu schätzen, gerade deswegen bin ich ziemlich sauer, dass der Euro diesen Gedanken auf Jahrzehnte vergiftet hat. Nein also gerade beim Euro von Reformbereitschaft zu sprechen ist schon wirklich Heuchelei. Es waren Deutschland und Frankreich, dann nach und nach die PIGS-Staaten, die Reformbedarf hatten, als sie die Schuldengrenzen und andere Auflagen des Stabilitätspaktes immer wieder brachen. Aber, wie Angela Merkel sagte „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ und so wurden alle Regeln über Bord geworfen, Hauptsache der Euro bleibt. Eine Farce. Ja vielleicht sind Staaten reformbereiter, wenn sie in den Euro eintreten wollen, ok, aber sobald sie ihn haben, dass hat Griechenland genauso wie Deutschland bewiesen, können sie machen was sie wollen, nur dass sie dann dafür Geld kriegen.
Lustigerweise geht der Artikel selbst nicht wirklich auf die Überschrift ein, man weiß wohl wie schwach das Argument ist, sondern darauf, dass der Euro uns Deutsche alle reich macht und wie gut es uns tut, keine so teure Währung wie die D-Mark mehr beim Export zu haben. Das mag oberflächlich gesehen stimmen, aber auch hier gibt es zwei Probleme:
Erstens, die gemeinsame Währung sorgt dafür, dass ein Land wie Deutschland, das bereits Hochtechnologie und die entsprechende Infrastruktur und Unternehmenskultur besitzt, auf Grundlage der gleichen Währung zum Beispiel mit Griechenland konkurriert. Ein entscheidendes Hilfsmittel für schwächere Staaten war immer ihre billigere Währung als Exportstütze. Kleine Staaten kommen so unter die Räder im Vergleich zu Deutschland. Ein Argument, dass man außerhalb der deutschen Medien, auch täglich hört.
Zweitens ist Deutschland ein Land mit sehr wenigen natürlichen Ressourcen. Das heißt wir mögen Exportweltmeister sein, wir importieren aber auch fast alles was wir weiterverarbeiten und dann hochwertiger exportieren. Eine teure Währung verteuert den Export, verbilligt aber gleichsam den Import. Gerade innerhalb Deutschlands, wo mehr importiert ist als man allgemein denkt, dürfte das auch der Verbraucher zu spüren kriegen.

5.Es gäbe mehr Grenzen in den Köpfen und Herzen
Ooooh… sind wir schon bei den emotionalen Argumenten angekommen? Nicht ganz. Es geht um die Freizügigkeit, die der Arbeitnehmer, Touristen, aber auch Renten und Schulabschlüsse. Also erst einmal: Ja die Freizügigkeit ist eine tolle Sache, hat aber auch wenig mit der EU zu tun. Die Tatsache, dass ich heute auf dem Kontinent kaum noch eine Grenzkontrolle erleben muss, ist dem Schengener Abkommen geschuldet, nicht der EU. Island, Norwegen, die Schweiz und Liechtenstein sind keine EU-Mitglieder, aber Teil des Schengenraums. Zugleich ist Großbritannien EU-Mitglied, aber nicht Teil des Schengenraums. Keine EU benötigt.
Was die freie Niederlassung angeht, nun das ist in der Tat ein EU-Verdienst, aber was für einer? Wenn man nicht unbedingt nach Nordkorea will, kommt man auch heute in nahezu jedes Land auf der Welt, erst einmal sozusagen auf „Probe“ mit einem befristeten Visum für Touristen oder ähnliches, wenn man dauerhaft bleiben will braucht man meistens Geld oder einen Job. Ob man will, dass vom deutschen Steuerzahler erwirtschaftetes Rentengeld in Spanien ausgegeben wird, oder dass sich jeder einfach irgendwo niederlassen kann, ist eine Frage der politischen Einstellung, nicht der politischen Vernunft.
Und was die Anerkennung von Studienabschlüssen, -fortschritten oder gar Qualifikationen angeht, ja das kann man ja gerne mal einem Praxistest unterziehen. Was auf dem Papier innerhalb der EU reibungslos laufen sollte, das funktioniert faktisch nicht einmal innerhalb des selben Landes. Und auch wenn ein Abschluss X aus Portugal einem Abschluss Y aus Deutschland rein rechtlich entspricht, wissen die Arbeitgeber ganz genau was mehr wert ist.
Und der Studentenaustausch? Ich lach mich tot. Glauben die Autoren hier wirklich, dass die Studenten in Europa herumstehen und sich am Kopf kratzen würden wie sie denn nun ins Ausland kämen für ein paar Semester? Ich selbst habe im Studium ein komplettes Auslandsjahr gemacht, privat gesucht und vorbereitet. Kein Erasmus nötig.

6.Die Einzelstaaten wären zerstritten und alleingelassen
Die Argumente scheinen auszugehen. Das hier ist nur eine dramatisierte Version von Argument 1 und 3. Allein die Sprache hier: „Deutschland ohne die Europäische Union – das wäre ein Sandkorn am Ufer des Geschehens, ein Tropfen im Meer der Weltpolitik. Politisch hätten Prag oder Warschau dem russischen Bären kaum etwas entgegenzusetzen, würde es dem Kreml gefallen, einzelne Staaten wirtschaftlich oder politisch in die Enge zu treiben, mit Boykotten zu überziehen oder die Energiezufuhr zu kappen.“ Was für ein Pathos. Es bleibt mir hier nur erneut zu sagen: Zweckbündnisse, auch auf Dauer, können im Rahmen bi- und multilateraler Verträge geschlossen werden. Gemeinsame Interessen von Staaten würde es immer noch geben. Andererseits zwingen rigide Großbündnisse und -Organisationen wie die EU jedes Mitglied den Mehrheitskurs mitzumachen, der durchaus zum massiven eigenen Nachteil, bis hin zur unerwünschten Kriegsteilnahme, sein kann.
Wer außerdem glaubt, wie die Autoren des Artikels, dass man wirklich in die Welt und das Denken des 19. Jahrhunderts zurückfallen würde, der sei erneut auf meine Antwort zu Argument 1 verwiesen. Das Denken des 19. Jahrhunderts ist heute nicht nur widerlegt, es ist uns nicht weniger fremd als das der Steinzeit, es wurde gründlich herausgewaschen.
Wie wenig halten diese Journalisten von den Völkern Europas, dass sie ohne die Weisen aus Brüssel sofort aufeinander los gehen würden.

7.Wir hätten holprige Straßen und lahmes Internet
Ah ja, wir Deutschen sollen uns nicht über die eigenen Schlaglöcher ärgern, der deutsche Export rolle ja auch über ausländische Straßen, die alle massiv saniert werden. Und schließlich bekäme ja auch Deutschland Fördergelder. Nur damit ich das richtig verstehe: Wir sollen dankbar sein, dass wir von den Unsummen die wir in die EU einbezahlen, und die wir jährlich nicht netto zurückkriegen, auch ein wenig in unsere eigenen Infrastruktur investieren dürfen. Na vielen Dank. Für das Privileg faktisch Entwicklungshilfe an Erste-Welt-Staaten zahlen zu dürfen bin ich doch gerne in der EU. Ernsthaft, ich verstehe nicht inwiefern das hier ein Argument für die EU ist. Es ist bestenfalls eines für staatliche Investitionen in die Infrastruktur, aber warum die auf der EU-Ebene und mit unserem Geld in anderen Ländern stattfinden sollen, das wird hier wirklich nicht klar. Vielleicht sind einfach die Ideen ausgegangen, es ist ja schon Punkt 7.
Ach und was das Internet angeht: Von den 10 Ländern mit der schnellsten Internetgeschwindigkeit, sind 5 nicht in der EU. Schnelles Internet ist kein Geschenk der EU-Götter, es ist eine Selbstverständlichkeit der zivilisierten Welt.

 

Alles was die EU (teilweise angeblich) macht, das kann auch ein Einzelstaat, ein Zweckbündnis, oder ein einfaches Vertragswerk, besser noch eine private Initiative. Für den Superstaat aus Brüssel gibt es schlichtweg kein gutes Argument, dass nicht eigentlich ein Argument für die EG oder EWG ist. Wir brauchen die Armee der Bürokraten nicht, wir brauchen die faulen Kompromisse nicht. Was hier präsentiert wurde, und es ist nicht so, dass andere ähnliche Listen besser wären, ist eine Mischung aus Propaganda auf Kindergartenniveau, Verwechslung von Ursache und Wirkung und verklärtem Wunschdenken. Mit der europäischen Realität hat es nichts zu tun. Es wird Zeit für Europa aus der EU auszutreten.

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Heult leise – Ein Plädoyer für RB Leipzig

Wenn man mich nach meiner fußballerischen Loyalität fragt, dann sage ich normalerweise, dass ich wider besseren Wissens Fan des 1. FC Saarbrücken bin. Ein Verein, der eigentlich nur alibimäßig Fußball spielt, damit im Vorstand die Unmengen abgewählter und aussortierter Politiker noch bis zur Pension etwas zu tun kriegen. Auf Platz 2, und nach einem Auslandsjahr eigentlich mindestens auf Platz 1,5, liegt für mich Arsenal London. Doch seit dieser Woche schiebt sich da ein neuer Verein auf meinen Platz 3, mit guten Chancen weiter hoch zu kommen und zwar RB Leipzig. Zugegeben, ich habe noch kein einziges Spiel des laufenden Werbeträgers gesehen, es geht hier ein wenig ums Prinzip.

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Was war das Gejammer auf Facebook groß als am vergangenen Wochende Rasenballsport Leipzig erstmals in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. Überall schrien die Fans der „Traditionsvereine“ umher, dass hiermit die Kommerzialisierung des deutschen Fußballs den Siedepunkt überschritten habe. Der Untergang der deutschen Fan-Kultur, der Untergang des Leistungsgedankens, der Untergang des Fußballs ganz allgemein. Dabei beschwerten sich ironischerweise auch Fans von Borussia Dortmund, immerhin ein Verein mit Millionengewinnen durch seine (S)Dax-notierte Tochter-GmbH, oder von den hunderprozentigen Konzerntöchtern Wolfsburg und Leverkusen, nicht zuletzt sogar die guten alten Fans der Geldmaschine Bayern München. Auch schaute man wehmütig nach England, wo gerade der Underdog Leicester City sensationell die Meisterschaft holte. Ja, das ist noch Fußball da drüben. Leicester City gehört übrigens seit 2010 dem thailändischen Milliardär Vichai Srivaddhanaprabha, der einiges an Geld in den Verein gepumpt hat.

Ja, so ganz konsequent ist niemand beim RB-Bashing. Wenn man die Kommerzialisierung des deutschen Fußballs so schrecklich findet, dann sollte man sich schleunigst Richtung Liga 3 und abwärts begeben um noch wirklich reinen Vereinssport zu finden. Selbst dort immer weniger. Der Spiegel hat im vergangenen Jahr aufgelistet, dass in der Bundesliga nur noch Stuttgart, Schalke, Mainz und Darmstadt eingetragene Vereine sind. Der Rest ist auf die eine oder andere Art gewinnorientiert. Und warum eigentlich nicht? Was genau macht denn die Gewinnorientierung mit einem Verein, genauer gesagt, was macht den Verein damit schlechter? Schließlich ist einem e.V. das finanzielle auch nicht egal, auch die müssen bezahlen. Und wie kriegt ein eine GmbH oder eine AG Geld durch Fußball spielen? Nur in dem sie gut spielt und gewinnt, damit die Sponsoren zahlen. Wie erfüllt ein „Werksverein“ wie RB Leipzig  seine Funktion als Werbeträger und Investition? Indem er gut spielt und gewinnt. Was muss ein eingetragener Verein machen? Gut spielen und gewinnen.

Aber ja, ich höre schon die Zwischenrufe, denn natürlich macht es einen Unterschied ob man durch unternehmerische Geldspritzen und damit durch Transfers einen Vorteil „erkauft“. Das stimmt, aber auch nur zu einem gewissen Grad. Es ist sicherlich eine ziemlich sichere Strategie für den Durchmarsch durch untere Ligen, denn man kann auch Spieler locken, die nie so tief spielen würden, aber genau wissen, dass man sicher aufsteigt. Aber auch das war bei RB Leipzig nicht hundertprozentig garantiert. Für die Regionalliga Nord und die 2. Liga brauchte man immerhin zwei Anläufe. Nun ist RB Leipzig in der ersten Liga angekommen und der Unterschied den man sich erkaufen kann, insbesondere in Konkurrenz mit anderen (nicht gerade armen) Top-Clubs der Liga, wird der Unterschied, den ein eingekaufter Spieler machen kann, deutlich geringer.

Aber Geld alleine macht auch nicht erfolgreich. Schaut man sich die Tabelle der Transferausgaben an und vergleicht sie mit der aktuellen Bundesligatabelle, dann ist Geld nicht egal, aber bei weitem kein Garant. Auf den ersten Blick scheint Geld wichtig zu sein. Bayern hat am meisten ausgegeben und ist Meister, Bayer Leverkusen am drittmeisten und ist Dritter, Gladbach am viertmeisten und ist Vierter. Aber daraus ist ganz offensichtlich kein Gesetz ableitbar. Die zweithöchsten Ausgaben hatte Wolfsburg, was dem Verein Platz 8 bringt; Schlusslicht Hannover hat mit knapp 19 Millionen immerhin Platz 10 der Ausgaben; Mainz auf Platz 5 hat ausgabentechnisch Platz nur Platz 14; einen Platz vor Werder Bremen, die sportlich auf Platz 16 stehen; Hertha hat aus Ausgabenplatz 17 den Tabellenplatz 6 gemacht; und auch das bis vor kurzem noch als so kommerziell gescholtene Hoffenheim machte aus den sechsthöchsten Transferausgaben nur Platz 14.

Ich weiß, ich weiß, es geht nicht nur ums Geld. Wie mich der Aufkleber am Red Bull Kühlschrank des Händlers meines Vertrauens immer wieder erinnert: Mit dem Kauf einer Dose Red Bull zerstören Sie deutsche Fußballkultur. Es geht den Fans um mehr als nur das Geld und auch um mehr als nur das Spielerische an sich. Was sie stört ist die Retortengeburt eines Vereins, der keine Tradition hat, anders als zum Beispiel Schalke oder selbst finanziell aufgepumpte Vereine wie Hoffenheim, die aber wenigstens seit 1899 im Geschäft sind. Das mag alles sein, aber wenn einem ein Verein nicht gefällt weil er keine Tradition hat, dann wird man halt kein Fan oder kein Mitglied von ihm. Ich sehe das Problem nicht. Ob ein Verein in der Bundesliga ist und ob er da sein darf, das entscheidet das Lizenzverfahren und die sportliche Leistung. Und die DFL hat es RB Leipzig dabei auch nie leicht gemacht.

Man soll mich nicht falsch verstehen, ich mag Vereine mit Tradition, ich mag Tradition ganz allgemein, aber nirgendwo ist das so irrelevant wie beim Sport an sich. Nein, das Traditionsargument ist ein Argument dagegen ein Fan zu werden, nicht gegen den Verein oder seine Legitimität. Alle Vereine waren mal neu, alle Traditionen haben sich erstmal entwickeln müssen (zum Beispiel die des 1. FC Saarbrücken permanent seine Fans zu enttäuschen). Tradition und sportliche Leistung sind getrennt. Der älteste Verein der Welt, der FC Sheffield, spielt achte englische Liga. Deutschlands älteste Kicker, BFC Germania 1888, spielen in Kreisliga B. Beide haben sicher eine tolle Tradition. Aber auch ein traditionsloser Retortenverein muss den Ball erstmal ins Tor kriegen, auch er darf nur 11 Spieler auf den Platz stellen, auch er kriegt nur 3 Punkte wenn er gewinnt. Wenn ich also Fan einer Mannschaft werden will, weil die Fankurve die geilsten Fans hat, dann gehe ich frühestens in ein paar Jahrzehnten zu RB Leipzig. Wenn ich Fan einer Mannschaft werden will, weil die richtig geilen Fußball spielt, dann vielleicht schon zur nächsten Saison.

Und die Anzeichen sind vielversprechend. Red Bull hat schon einen Mann aus dem Weltall auf die Erde geschmissen, ermöglicht bekloppten Leuten sich in den waghalsigsten Extremsportarten zu versuchen und neue Geräte dafür zu erfinden und und und. Bei RB Leipzig treffen Dauerkartenblock und „nur“ Fußballfans aufeinander. Wenn die Traditionalisten der Meinung sind, dass es der Verein nicht verdient hat in die erste Liga aufzusteigen, nun dann schaut, dass eure Jungs denen in den Arsch treten, deren Tor ist genauso breit wie alle anderen. Wenn es den anderen Vereinen nicht gelingt, dann hat RB Leipzig in jeder Hinsicht verdient dabei zu bleiben. Wie toll man deren Fankurve findet, ist völlig egal. Also, schon einmal im Voraus, wenn RB Leipzig dann schließlich Meister wird: Heult leise!

 

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