Deutsche Kunst und sowjetische Nägel – Mensch gegen Plan

Wer noch den kalten Krieg bewusst miterlebt hat, der hat noch den direkten Vergleich zwischen VW-Golf und Trabbi, zwischen Air France und Aeroflot, oder Jakobs Krönung und Muckefuck im Hinterkopf. Auch wenn die meisten Leute, im Westen oder Osten, sicherlich nicht die genauen wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen kannten, so war in diesen Jahrzehnten allgemein bekannt, dass Planwirtschaft schlechter funktioniert als Marktwirtschaft. Heute, nach dem tiefen Fall des Kommunismus und vor allem der weitgehenden Marktliberalisierung in China, fehlt es an Vergleichen. Dabei haben sich die fundamentalen Probleme der Planwirtschaft nicht geändert und man muss längst nicht mehr in ferne Länder schauen um sie zu finden.

[Hier war mal ein Bild, aus Copyrightgründen entfernt. Googlen Sie „cartoon krokodil nail“, erstes Bild-Ergebnis]

Ich weiß nicht ob Sie jemals diese Karikatur aus der sowjetischen Zeitschrift Krokodil gesehen haben. Sie basiert auf einer echten Situation im Paradies der Werktätigen. Dort gab es regelmäßig Knappheiten bei den Nägeln, genauer gesagt bei kleinen Nägeln. Der Bedarf war da, dennoch konnte die sowjetische Planwirtschaft nicht liefern. Der Grund war relativ schnell erkannt: Man hatte den Ausstoß von Nägeln in Tonnen vorgegeben. Diese Aufgabe war für die Betreiber vor Ort am einfachsten zu erfüllen, wenn man große, schwere Nägel herstellte. Daher die Knappheit der kleinen Nägel. Die Planbehörde korrigierte ihren Fehler und verfolgte nun eine umgekehrte Politik. Man schrieb den Ausstoß in Anzahl an Nägeln fest. Das hatte den erwartbaren Effekt. Auf einmal fehlten große, schwere Nägel, während das Land in kleinen Nägeln ertrank.

Es gibt viele Geschichten dieser Art aus dem Ostblock. Von Studenten, deren Ferienjob daraus bestand im Einkaufszentrum den Kunden täglich zu sagen, dass es wieder keine Tapeten gibt, bis zu Jahrzehnten Wartezeit für einen Trabbi. Nicht selten werden solche Fälle auf die Unfähigkeit der Planer geschoben, auf ein System, dass auf lahmarschigen Bürokraten ohne Fantasie und Elan beruht. Das ist falsch. Die Bürokraten machten ihren Job sehr gut, nicht weniger effizient als ein Bürokrat im Westen, ja nicht mal weniger effizient als ein Unternehmer auf dem freien Markt. Das Problem liegt nicht beim Planer, es liegt im System. Hate the game, not the player!

Wenn man den Unsinn der Planwirtschaft erkennen will hilft es ihn außerhalb des Ostblockes zu finden. So fehlt das gefestigte Bild aus Jahrzehnten kaltem Krieg. Also gehen wir nach Deutschland und dort in einen Bereich in dem man erstens wenig an Planwirtschaft denkt (obwohl er ausschließlich so geführt wird) und zweitens keinen bösen Willen erwartet: Kunstwerke in öffentlichen Gebäuden!

Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass vom Rathaus bis zur Bibliothekszweigstelle jeder öffentliche Bau mindestens von einem Kunstwerk geziert wird, oft irgendeine Wandverzierung im Foyer, oder eine Statue vor dem Eingang. Das ist kein Zufall, sondern Vorschrift. Zwischen 1 und 2 Prozent der Baukosten eines öffentlichen Gebäudes müssen für Kunst ausgegeben werden. Dies erhöht einerseits das Prestige dieser Einrichtungen, soll aber vor allem der Förderung der (lokalen) Kunstszene dienen. Man schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Das klingt erstmal gar nicht falsch. Vor allem der Fokus auf Künstler aus der Region. Wer sonst auf dem Markt keine Preise wie Picasso erzielen kann, findet so ein kleines Auskommen und vor allem auch Werbung. Schaut man aber genauer hin, so findet sich in den meisten Gebäuden nur ein einziges Kunstwerk, nicht selten von professionellen Künstlern. Bedenkt man die Baukosten öffentlicher Gebäude, so hat man hier nicht irgendwelchen verhungernden Künstlern über den Monat geholfen, sondern fünf- bis sechsstellige Beträge an etablierte Profis verschoben. Komisch…

Denkt man drüber nach, dann wäre es ja zum Beispiel sinnvoll an mehrere ärmere Künstler, Kunststudenten etc. je 1.000€ für insgesamt zehn oder zwanzig Kunstwerke im ganzen Gebäude zu bezahlen, anstatt nur ein massives, teures Objekt zu haben. Sind die Beamten so dumm, oder so faul? Nein, sind sie nicht. Sie haben einen Job erhalten und der ist 1-2% der Baukosten für Kunst auszugeben. Wie jeder normale Mensch aus suchen sie den effizientesten Weg diese Aufgabe zu erfüllen und der ist sicher nicht in die lokale, schwer recherchierbare und weit gestreute Kunstszene einzusteigen und sich als Talentscout zu betätigen. Ein etablierter Künstler ist schnell gesucht, liefert was verlangt wird und bietet Prestige. Außerdem reicht ein Anruf oder ein kurzer Briefverkehr. Soll man das tatsächlich den Beamten vor Ort vorwerfen? Auch auf dem freien Markt wäre das, bei dieser Vorgabe, der sinnvollste Ansatz. Aber warum diese Vorgabe? Man könnte ja auch einfach die Vorgabe machen, dass Kunst im Gebäude sein soll. Da haben aber die Planer ganz oben Angst, dass hier irgendjemand die dritte Klasse von der Schule nebenan Fingerfarben-Schmetterlinge an die Wände machen lässt. Also die Vorgabe mit dem Geld, damit man auf jeden Fall gut Geld ausgibt. Das garantiert in Augen der Chefs Qualität.

Nun… wo liegt das Problem? Das Problem liegt darin, dass die öffentliche Einrichtung keinen Nutzen aus der Kunst ziehen muss. Wer aufs Amt muss, der muss aufs Amt. Er kann sich nicht aussuchen in welches er geht, weil er sich in dem einen vielleicht nicht so wohl fühlt, weil im Foyer ein Bild vom dunklen Sensenmann hängt der ein Kind frisst. Es gibt nur eins. Die Kunst im Gebäude hat keinen Effekt. Das ist anders in der freien Wirtschaft. Wenn ein Einkausfszentrum öffnet, dann ist die Kunst sehr wohl wichtig, denn sie schafft eine Wohlfühlatmosphäre, die die Kunden schätzen. Gleichzeitig besteht ein Anreiz die Kosten für die Kunst und damit für das Bauprojekt als Ganzes niedrig zu halten. Bei Kunst ist Kosten-Nutzen sehr schwer abzuschätzen, aber es gibt Erfahrungswerte und Heerscharen von Experten die dabei beraten. Der Unternehmer kann mit Preisen rechnen. Bringt eine 100.000€-Installation auf lange Sicht mindestens 100.001€ an Gewinn durch Kunden?

Für den Beamten gibt es nur einen Anreiz: Seinen Job zu machen. Und das idealerweise so einfach für ihn wie möglich. Das selbe gilt auch für den Unternehmer, aber mit dem zusätzlichen Anreiz, dass er die Konsequenzen, Gewinn oder Verlust, trägt. Der Beamte gibt das vorgegebene Geld aus, weil das so vorgeben ist. Der Unternehmer beschafft die meiste, beste Kunst für den besten Preis. Es ist nicht der Beamte, es ist das System in dem er arbeitet, von Kunst am Bau über Nägel bis hin zum Trabbi. Die Planwirtschaft kann und wird nie funktionieren, selbst wenn die besten und klügsten und schlausten Menschen der Welt sie führen. Sie haben die falschen Anreize. Effizienz, Kundenorientierung, Preissenkung, Innovation und Modernisierung sind bestenfalls interessante Nebeneffekte, Mutationen im System. Es gibt keinen Grund sie vom Staat zu erwarten.

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