Befreit die Ehrenamtssklaven, der Mindestlohn konsequent

Der Mindestlohn kommt also nach Deutschland. Die Sozialdemokratie feiert, die Christdemokratie hat so oder so schon lange aufgegeben, die Liberalen sind eh nicht mehr dabei, den Sozialisten geht es nicht weit genug und die Grünen hätten ihn gerne auch mitbeschlossen. Das Volk steht derweil irgendwo zwischen „endlich soziale Gerechtigkeit“ und „ah Mist“. Vielleicht hätte es geholfen, wenn die Sendung mit der Maus damals auch die Folge gehabt hätte: „Woher kommen eigentlich Löhne?“. Dann muss ich das wohl nachholen:

Das Wikipedia-Bild zum Euro bietet an Münzen nur wenig über dem Mindestlohn

Der Lohn den jeder Angestellte eines Unternehmens erhält ist eine direkte Funktion seiner Produktivität. Soll heißen: Wer produktiver ist erhält mehr Lohn. Achtung! Die Produktivität, also der Wert eines jeden Angestellten ist nicht zwingend etwas, dass etwas über Fleiß, tatsächliche Schwere der Arbeit etc. aussagt. Zwei einfache und etwas simplifizierte Beispiele:

  • Ein LKW-Fahrer liefert Getreide zu einer Bäckerei. Die Bäckerei bezahlt für die Ladung Getreide 1000€. Sagen wir mal die Strecke die er fährt ist so lange, dass er sie nicht mehrmals am Tag fahren kann. Egal wie fleißig, oder engagiert der LKW-Fahrer ist, er wird nicht mehr als 1000€ für seine Spedition erwirtschaften. Andererseits fährt sein (vielleicht etwas faulerer) Kollege (der auch persönlich irgendwie ein Arschloch ist) eine LKW-Ladung Eisenerz pro Tag, für die die Giesserei 2500€ bezahlt. Schlicht und einfach durch die unterschiedlich wertvolle Fracht sind die Fahrer für ihre Firmen unterschiedlich produktiv
  • Zweites Beispiel. Sie haben eine Fabrik mit zehn Maschinen die Nägel herstellen. Sie haben jede Maschine kann Nägel im Wert von 10€ pro Stunde schaffen (nach Abzug aller Kosten außer Lohn). Sie sparen die Profite, investieren und kaufen zehn Maschinen, die Nägel im Wert von 20€ die Stunde machen. Die Produktivität ihrer Angestellten hat sich soeben verdoppelt.

Bleiben wir bei dem zweiten Beispiel. Sagen wir mal am Anfang haben sie zwar zehn Maschinen, aber nur neun Mitarbeiter, also schreiben sie eine Stelle für ihre zehnte Maschine aus. Wie viel Lohn bieten sie an? Auf keinen Fall mehr als 10€, denn dann würden sie ja Verlust machen. Wenn sie sehr philantropisch veranlagt sind, dann bezahlen sie 10€, weil das kostet sie nichts und jemand hat einen Job. Tatsächlich würden sie eher einen Stundenlohn von 8€ anbieten und pro Stunde einen Profit von 2€ an der Maschine abschöpfen. Je kleiner ihr Unternehmen, desto größer die nötige Gewinnmarge, je größer es ist, desto eher können sie auch einen Stundenlohn von sagen wir mal 9,50€ anbieten. Die Masse macht es dann für sie. Überlegen Sie wie sich aus dieser Sicht Marx‘ Ausbeutungstheorien lächerlich machen. Der Angestellte schafft keinen Mehrwert von 2€, er schafft einen Mehrwert von 10€ und einigt sich freiwillig mit dem Arbeitgeber davon 8€ zu behalten und dem Arbeitgeber, der Material, Strom, Maschine, Verkauf, Transport und nicht zu vergessen einen stabilen Lohn stellt, die verbleibenden 2€ zu überlassen. Kommen dann die neuen Maschinen und der Arbeitgeber hat plötzlich einen Profit von 12€, statt 2€, dann hat der Arbeitnehmer ein gutes Recht alleine, oder (effektiver) gemeinsam mit anderen, zB in Form einer Gewerkschaft, einen neuen Lohn zu verhandeln und dem gegebenenfalls mit Streik oder Kündigungsdrohung Nachdruck zu verleihen. Weigern Sie (der Arbeitgeber) sich dann immer noch, werden sie bald sehen, wie Ihre Konkurrenz einen Haufen qualifizierter Arbeiter abwirbt, dann bleiben von den 12€ genau 0€. Ihre Maschinen laufen ja nicht von selbst. Ihre Arbeiter schaffen den Mehrwert und behalten einen guten Teil davon ein.

Ebenso kann ein Manager durch die enormen Summen Geld mit denen er umgeht in einer Stunde viele hunderte oder tausende Euro für ein Unternehmen erwirtschaften, was wiederum seinen enorm hohen Lohn rechtfertigt. Genauso sind Fußballer nicht überbezahlt, denn die horrenden Summen die ihnen von Vereinen und Sponsoren in den Rachen geworfen werden, sind nur ein Anteil des Mehrwerts, die der jeweilige Spieler für die Auftraggeber bringt, oder zumindest was sich die Verantwortlichen ausrechnen.

Freiwillig ist hier das Stichwort. Denn egal ob der Lohn jetzt 2, 5, 8 oder 10€ die Stunde beträgt, Fakt ist, dass sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf diesen Lohn geeinigt haben. Natürlich, so ehrlich muss man sein, haben die Arbeitnehmer, gerade in den Berufen, die wenig Qualifikation benötigen, durch Konkurrenz, oder drohende Arbeitslosigkeit oft nur die Entscheidung zwischen der Akzeptanz des Lohns oder Hartz-IV. Aber selbst dann bleibt dies weiterhin eine Entscheidung, die ein erwachsener Mensch treffen kann. Egal wie sehr die Arbeitslosigkeit droht, für 1€ die Stunde würde wohl kaum jemand in einer Stahlhütte direkt am Hochofen arbeiten, gerade nicht bei unserem Sozialsystem. Letzteres finde ich zwar ebenfalls nicht besonders wünschenswert, es bleibt aber der Kontext, in den dieser Mindestlohn hineinbefohlen wird.

Und damit sind wir beim Kern des Problems. Grundlage jeder Mindestlohngesetzgebung ist folgender: „Der dumme Arbeitnehmer ist nicht in der Lage selbstständig zu merken, ob er ausgebeutet wird, oder nicht. Der dumme Arbeitnehmer ist nicht in der Lage zu erkennen, welcher Lohn für ihn angemessen ist! Der Staat ist natürlich schlauer, der weiß, dass 8,49€ ein Verbrechen sind und 8,50€ menschenwürdig.“ Denken Sie mal genau darüber nach. Wir sind schlau genug zu erkennen, ob wir bereit sind einen Euro mehr für ein Stück Schweinefleisch auszugeben, oder das Fleisch sein lassen und für den Euro lieber eine Packung billigen Aufschnitt besorgen. Wir sind schlau genug zu erkennen, ob wir bei dem Wetter draußen ein T-Shirt oder einen Pulli anziehen sollten. Wir sind schlau genug alle vier Jahre ein Kreuz bei der Partei zu machen, die wir für richtig halten. In all diesen Fällen (und in Millionen anderer Entscheidungen) erkennt der Staat an, dass wir fundamental in der Lage sind das selbst zu entscheiden, oder zumindest, dass wir für eventuelle Fehler selbst verantwortlich sind. Aber bei den Lohnverhandlungen ist das natürlich nicht möglich. Da brauchen wir einen Mindestlohn, alles andere wäre unverantwortlich. 

Andrea Nahles denkt das schon fast ganz konsequent durch, denn sie will das unbezahlte Praktikum verbieten. Dabei verkennt sie völlig welchen Sinn ein unbezahltes Praktikum hat und wie es funktioniert. Auch außerhalb einer konkreten Ausbildung, ist das Praktikum kein Ort um Geld zu verdienen (niemand, wirklich niemand ist so blöd zum Geldverdienen einen Vertrag ohne Gehalt zu unterschreiben). Das Praktikum ist eine Chance Einblick und Erfahrung in einen bestimmten Berufszweig zu gewinnen. Dabei bezahlt der Praktikant für die erworbene Qualifikation (egal wie gering sie sein mag) mit seiner Arbeitskraft, anstatt mit Geld, wie zum Beispiel bei einem Abendkurs. Der Arbeitgeber verlangt kein Geld für die Ausbildung, er erhält Arbeitskraft. Jedem der ein unbezahltes Praktikum macht ist dies klar. Wenn man also der Meinung ist, dass dies in der Tat nicht jedem gesunden, erwachsenen Menschen klar sein muss, dann muss man konsequenter weise endlich das Ehrenamt verbieten. Wenn mündige Staatsbürger nicht in der Lage sind einen geringen Lohn, oder gar keinen Lohn, als ausreichend für ihre Arbeitsleistung ansehen können, dann können sie das nirgendwo, nicht bei VW, nicht bei Aldi und nicht beim örtlichen Fußballverein, oder in der Kirche. Aber ich sage das lieber nicht so laut, nachher kriegt das die Nahles noch mit und hält das für korrekt.

 

Zwei abschließende Dinge zum Mindestlohn:

  • Wie oben angesprochen sind Arbeiter unterschiedlich produktiv, was größtenteils von der Branche, den Materialien, dem Produkt, den Maschinen etc. abhängt, aber natürlich auch von der Qualifikation, Erfahrung und Leistungsbereitschaft des Arbeitnehmers. In bestimmten Fällen ist es nun einfach so, dass ein Arbeitnehmer nicht in der Lage ist einen Mehrwert von 8,50€ die Stunde zu schaffen. Nicht zwingend durch Faulheit oder ähnliches, sondern allein durch fehlende Mechanisierung im Betrieb, oder niedrige Preise des Endprodukts. Wenn es illegal wird diese Leute für weniger anzustellen, dann werden sie schlicht und einfach keine Arbeit mehr haben. Kein Unternehmen kann die dauerhaften Verluste durchhalten. Diese Realität wird von der Bundesregierung ignoriert
  • Angeblich soll sich der Mindestlohn ja allein dadurch ausgleichen, dass ja nun die Niedriglohnarbeiter mehr Geld ausgeben können. Mal abgesehen davon, dass diese eher entlassen werden, als dass ihnen mehr Geld bezahlt wird, ist dies vollkommen lächerlich. Es impliziert nämlich eine Preissteigerung bei allen Produkten die mit Niedriglohn hergestellt werden, damit den Mindestlohnarbeitern dann 8,50€ bezahlt werden können, die sich dann die teureren Produkte wieder leisten können. Nicht nur bringt das diesen Arbeitern effektiv gar nichts, zumindest nicht bei einheimischen Produkten, es verteuert auch alle einheimischen Produkte für alle Menschen im Aus- und Inland. Die Arbeitnehmer, die schon heute exakt 8,50€ pro Stunde erhalten, können sich dann über höhere Preise freuen, ohne auch nur die kleinste Gehaltssteigerung erhalten zu haben.
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2 Kommentare

  1. „…haben die Arbeitnehmer, gerade in den Berufen, die wenig Qualifikation benötigen, durch Konkurrenz, oder drohende Arbeitslosigkeit oft nur die Entscheidung zwischen der Akzeptanz des Lohns oder Hartz-IV.“
    Die dritte Möglichkeit wird in unserem sozialen Verteilungs-Interventionismus gerne vergessen: Dass jeder Mensch sich sein eigenes Unternehmen aufbauen kann. Diese – prinzipielle – Möglichkeit ist der Hauptgrund, warum eine freie Gesellschaft mit einer tatsächlich freien Wirtschaft dem Sozialismus vorzuziehen ist. Der Gesellschaft ist gar nicht mehr klar, wie unmoralisch es ist, dass der eine dem anderen den Wert seiner Produktivität vorschreiben soll.
    Grundsätzlich gilt für sämtliche sog. „sozialen“ Maßnahmen, die gesunde, arbeitsfähige Menschen betreffen: „Das Verteilen unverdienter Zuwendungen ist nicht weniger unmoralisch als die freie Verteilung abhängig machender Drogen.“

  2. Es ist schon erschreckend, wie viele Menschen bislang unter dem Mindestlohn gearbeitet haben, daher finde ich den Schritt zum Mindestlohn als ganz wichtig an. Hier muss sich allerdings auch in Zukunft noch einiges mehr in diesem Bereich tun, damit die Menschen auch endlich wieder von ihrem Geld leben können. Aktuell ist dies in vielen Bereichen ja leider immer noch nicht möglich.

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